Entfache den Geist ...

Dogen Zenji - GAKUDÔYÔJINSHÛ

1. Entfache den Geist des Erwachens (1)

Der Geist des Erwachens hat viele Namen, doch es ist nur ein einziger Geist.

Patriarch Nagarjuna (2) sagt: „Der Geist, der die Vergänglichkeit allen Entstehens und Vergehens in der Welt erkennt, wird auch Geist des Erwachens genannt.” Lass uns deshalb für den Augenblick diesen Geist als den Geist des Erwachens ansehen. Wenn du die Vergänglichkeit wirklich erkennst, dann wird kein egoistischer Geist wachgerufen, es entsteht keine Ruhmsucht, und du erschrickst über die Schnelle des Zeitlaufs.

Darum übe den Weg, so als wolltest du ein Feuer auf deinem Haupt auslöschen. Bedenke, wie unsicher dein Leib und Leben sind. Deine Übung sollte dem Beispiel Shakyamuni

Buddhas folgen, der seinen Fuß einmal für sieben Tage anhob.(3)

Selbst wenn du den Lobgesang eines Kinnara-Gottes oder eines Kalavinka-Vogels vernimmst, lass es dir wie das Heulen des Abendwindes in den Ohren sein.(4) Selbst wenn du der Antlitze von Schönheiten wie Maoqiang oder Xishi (5) gewahr wirst, lass sie dir das Rinnen des Morgentaus in den Augen sein. Sobald du dich erst einmal aus den Fesseln deiner Sinne befreit hast, wirst du von allein dem

Prinzip des erwachten Geistes entsprechen.

Heute wie in vergangenen Tagen hören wir von denen, die nur wenig von der Lehre vernommen haben, und sehen jene, die wenig verstehen. Viele sind in die Fallgrube der Ruhmsucht gestürzt, für immer haben sie das Leben des Buddhaweges eingebüßt. Wie bedauernswert!

Gehe nicht daran vorüber, ohne es verstanden zu haben.

Selbst wenn du die provisorischen und die wahren Sutren liest und die exoterischen und esoterischen Lehren weitergibst, kann dennoch keine Rede vom Geist des Erwachens sein, solange du nicht Ruhm und Ehre von dir wirfst.

Einer sagt, erwachter Geist sei der unübertroffene, wahre und absolute Geist, und mit Ruhm und Verdiensten habe er nichts zu tun. Ein anderer sagt, es sei der eine Gedanke der Dreitausend, und wieder ein anderer, es sei das Dharmator, bei dem kein einziger Gedanke hervorgerufen wird. Noch einer nennt den erwachten Geist den Geist, der in das Buddhameer eintaucht.(6)

All diese Kerle wissen nichts vom Geist des Erwachens, gewissenlos ziehen sie ihn in den Schmutz. Ferner als fern sind sie vom Buddhaweg. Sieh dir doch einmal den Geist an, dem es um Ruhm und eigene Interessen geht: Berührt dieser Geist den einen Gedanken der dreitausend Wesensge-stalten? Bezeugt er das Dharmator, bei dem nicht ein einziger Gedanke hervorgerufen wird? Nein, da ist

bloß wahnhaftes Streben nach Ruhm und Verdiensten und nichts, was wir als erwachten Geist begreifen könnten. Seit alters teilen die Heiligen, die zu Weg und Lehre gelangt sind, diese Staubwelt mit uns, um uns dadurch zu retten, doch keiner von ihnen vergeudet jemals auch nur einen Gedanken an Ruhm oder Verdienste. Selbst an der Lehre haften sie nicht, wie könnten sie je an der Welt haften?

Was „Geist des Erwachens” genannt wird, bedeutet an erster Stelle den Geist, der die Vergänglichkeit erkennt, von dem wir oben gesprochen haben. Er hat nichts zu tun mit dem, worauf die Tollköpfe zeigen. Deren ungeborene Gedanken und dreitausend Gestalten gehören der wunderbaren Übung an, die nach dem Entfachen des Geistes kommt. Bringe das nicht durcheinander. Für den Augenblick solltest du einfach in Ruhe üben, indem du dich selbst ganz vergisst.

Auf diese Weise wirst du vertraut mit dem Geist des Erwachens werden.

Die zweiundsechzig Standpunkte (7) beruhen alle auf einem

„Selbst”. Falls du dir einen Begriff von einem „Selbst” machst, setze dich in Ruhe hin und beobachte: Was ist die Wurzel all dessen, was zu deinem Leib gehört, innen wie außen? Der Leib ist mit Haut und Haaren etwas, was du von Vater und Mutter erhalten hast. Deren zwei weiße und rote Tropfen sind von Anfang bis Ende substanzlos.

Deshalb kann das nicht dein „Selbst” sein. Unser Leben wird zusammengehalten vom Wirken unseres Geistes als Wille, Bewusstsein und Wissen. Doch was ist das letztendlich, in diesem einen Atemzug?

Auch dies ist kein „Selbst”. Hänge also weder am Körper noch am Geist. Wer daran hängt, geht in die Irre, wer loslässt, erwacht.

Und dennoch rechnest du auf ein „Selbst”, wo kein „Selbst” ist, du hängst an deinem Leben, obwohl es nicht „dein” Leben ist. Du übst nicht, was du auf dem Buddhaweg üben solltest, und du trennst dich nicht von den weltlichen Gefühlen, von denen du dich trennen solltest.

Dich ekelt vor der wahren Lehre, während du falschen Lehren

hinterherläufst. Wie könntest du dabei nicht in die Irre gehen?

 

(1) Das Wort, das hier als der „Geist des Erwachens“ übersetzt ist, wird im Deutschen manchmal auch „Bodhigeist“ genannt. Bodhi bedeutet so viel wie „Weisheit“ oder „das Erwachen“. Im Japanischen lautet der Begriff Bodaishin oder Dôshin, im Sanskrit ist es Annutara-samyak-sambodhi-citta.

 

(2)  Einer der bedeutendsten Philosophen des Buddhismus, der im zweiten oder dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte. Seine Philosophie ist gekennzeichnet von der logischen Negation aller denkbaren Standpunkte, um schließlich beim Weg der Mitte und der Leere aller Erscheinungen anzukommen.

 

(3) Ein altes Sutra erzählt davon, dass Shakyamuni in einer früheren Inkarnation, bevor er selbst zum Erwachten wurde, vor einem anderen (legendären) Buddha für

eine Woche auf Zehenspitzen stand, um ihn zu preisen.

 

(4) Kinnara ist der Gott der Musik. Von Kalavinka-Vögeln heißt es, sie hätten einen süßen Gesang und lebten in den Himalaya-Bergen.

 

(5) Diese Namen werden dem modernen Leser wenig sagen. Beispiele des 20. Jahrhunderts wären Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot.

 

(6) All diese Beschreibungen von erwachtem Geist sind im Prinzip nicht falsch. Tatsächlich wird dieser Geist in der Buddhologie noch heute oft mit diesen Ausdrücken belegt. Dôgen Zenji verwirft derartige Definitionen, da es ihm nicht um theoretische Erklärungen, sondern um die Praxis der Ichlosigkeit geht.

 

(7) Gemeint sind zweiundsechzig verschiedene nicht-buddhistische Sichtweisen der Person, die dieser einen substantiellen Kern (das innere Subjekt) zuschreiben.

2.Wenn du die wahre Lehre vernimmst, versäume nicht, sie zu üben und zu erlernen

 

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