Suche bei der Übung des Zen...

Dogen Zenji - GAKUDÔYÔJINSHÛ

5. Suche bei der Übung des Zen und beim Erlernen des Weges nach einem wahren Meister

 

In alter Zeit hieß es: „Wo der Geist nicht richtig entfacht ist, da werden zehntausend Übungen vergeblich ausgeübt.” Wie wahr dieses

Wort ist! Bei der Übung des Weges hängt alles davon ab, ob der Meister wahr oder falsch ist.

Der Schüler ist so wie das gute Material, der Meister ist wie ein Handwerksmeister. Selbst wenn das Material gut ist, wird seine Schönheit nicht offenbar werden, solange es nicht an einen guten Handwerker gerät. Dagegen werden selbst in einem krummen Holz sogleich wunderbare Züge erscheinen, wenn es in die richtigen Hände kommt. Daraus wird klar werden, dass die Echtheit des Erwachens davon abhängt, ob der Meister echt ist oder nicht.

Leider gibt es in unserem Land von alters her keine wahren Meister.

Woher ich das weiß? Indem ich aus den Worten schließe, so wie einer, der Wasser aus dem Strom schöpft, daran die Quelle erkennt.

Die gesammelten Reden und Schriften der Meister vergangener Zeiten in unserem Land, mit denen diese ihre Schüler unterrichteten und alle Menschen zu bereichern versuchten – diese Worte sind unreif

und grün. Nicht einmal auf der Grundlage des Lernens haben sie den Gipfel erreicht, ganz zu schweigen von der Stufe des Erweises. Sie

übermittelten bloß Worte und Sätze und ließen die Menschen Buddhas Namen anrufen. Tag und Nacht zählten sie die Schätze anderer, ohne selbst auch nur einen halben Pfennig zu besitzen. Hier liegt die

Schuld der Vergangenheit. Einer ließ die Menschen nach wahrem Erwachen außerhalb des Geistes suchen, ein anderer wiederum ließ sie für die Wiedergeburt in einer anderen Welt beten. So wurde Verwirrung gestiftet, aus der Wahnideen entsprangen.

Auch wenn jemand eine gute Medizin ausgibt, wird sie Krankheit verursachen, solange er nicht erklärt, wie man ihre Wirkung kontrolliert.

Das ist sogar noch schlimmer, als Gift einzunehmen. In unserem Land hat es seit alters keinen gegeben, der gute Medizin ausgeteilt hätte, ganz zu schweigen von einem Meister, der erklärt hätte, wie die schädlichen Nebenwirkungen zu beheben sind. Wie könnten wir daher Geburt und Krankheit aufheben, wie könnten wir uns vom Altern und Sterben befreien?

All dies ist die Schuld der Meister, nicht im Geringsten die der Schüler. Es liegt daran, dass die Meister der Menschen diese dazu bringen, die Grundlagen zu vernachlässigen, und sie stattdessen Unwesentlichem nachjagen lassen. Ohne eigene Erkenntnis erreicht zu haben, beschränken sie sich auf ihren persönlichen Geist und lassen andere unverantwortlich in die Irre gehen. Wie bedauerlich! Die Meister sind ihrer Irrtümer nicht gewahr, wie könnten da die Schüler erkennen, was richtig und was falsch ist?

Wie schade, dass sich in diesem weit abgelegenen kleinen Land die Buddhalehre noch nicht verbreitet hat und noch keine wahren Meister aufgetaucht sind. Wenn du den unübertroffenen Buddhaweg lernen willst, musst du die Autoritäten in der weit entfernten Song- Dynastie (1) aufsuchen. Blicke zurück auf den lebendigen Weg, der weit außerhalb des Geistes liegt. Wenn du keinen wahren Meister findest, ist es besser, gar nicht zu lernen. „Wahrer Meister” bedeutet einen, der – unabhängig von Alter oder Karriere – die wahre Lehre geklärt und darin die Bestätigung eines wahren Meister erlangt hat.

Er setzt weder Buchstaben noch intellektuelles Verstehen an erste Stelle, seine Fähigkeiten durchbrechen jeden Rahmen, seine entschlossene

Gesinnung geht über jeden Maßstab hinaus. Mit persönlichen Ansichten gibt er sich nicht ab, bei Gefühlen bleibt er nicht stehen, sein Tun stimmt mit seinem Verständnis überein – das ist ein wahrer Meister.

 

(1) Dôgen Zenji meint das Land China zu seiner Zeit. Die Song-Dynastie währte von 960–1279, Dôgen Zenji lebte von 1200–1253.

6. Was du über die Zen-Übung wissen solltest

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