ZENKI

Allumfassendes Wirken

Vorwort (von Muhô):

Das Thema Leben und Sterben (oder Tod), im Genjôkôan  bereits angeschnitten, wird hier weiterentwickelt. Auch dem Bild vom Boot auf dem Meer, mit dem das Leben des Individuums im Verbund mit der Welt illustriert wird, begegnet uns hier in erneut. Dôgen stellt Fragen, die über die Boot-Thematik des vorigen Kapitels noch hinausgehen: Wer setzt die Segel im Boot? Wer führt das Steuer? Und was ist Zeit im Boot?

Dôgen spricht von der „Erlösung durch das Leben vom Leben, durch das Sterben vom Tod.“  Wir könnten meinen, dass es der Sinn buddhistischer Praxis sei, uns durch Zazen von den Problemen des Lebens oder der Furcht vor dem Tod zu Erlösen. Nicht doch, meint Dôgen. Mittel und Zweck sind nicht getrennt. Die Probleme des Lebens lösen sich nur dadurch, dass wir sie ganz leben. Wenn wir sie ganz leben, lebt das ganze Universum, das allumfassende Wirken, durch uns. 1903 schrieb der Dichter Rilke einem jungen, am Leben leidenden Freund: „Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Vielleicht würde Dôgen korrigieren: Lebe einfach, jetzt, und du wirst sehen – die Antwort lebt in dir!

 

Zenki - Allumfassendes Wirken

Der große Weg aller Buddhas, vollkommen ergründet und durchdrungen, ist Erlösung und Vergegenwärtigung. Erlösung bedeutet die Erlösung durch das Leben vom Leben, durch das Sterben vom Tod. Deshalb gibt es den Ausgang aus Leben und Tod, sowie den Eintritt in Leben und Tod. Gemeinsam sind sie der endlos durchdrungene, große Weg. Es gibt das Loslassen von Leben und Tod, sowie das Bewahren von Leben und Tod. Gemeinsam sind sie der vollkommen durchdrungene, große Weg. Vergegenwärtigung ist Leben, Leben ist Vergegenwärtigung. Es kommt niemals vor, dass zur Zeit der Vergegenwärtigung das Leben nicht allumfassend vergegenwärtigt würde, oder der Tod nicht allumfassend vergegenwärtigt würde.

Dieser Mechanismus wirkt gut als Leben und gut als Sterben. In eben diesem Moment, in dem der Mechanismus auf solche Weise vergegenwärtigt wird, ist er nicht groß oder klein, weder universal noch eingeschränkt. Weder lang und fern noch kurz und dringend. Dieses Leben steckt in diesem Mechanismus, dieser Mechanismus steckt in diesem Leben.
Das Leben ist nicht im Kommen, und das Leben ist nicht am Vergehen. Das Leben ist nicht in der Gegenwart, und das Leben ist auch nicht im Werden. Trotzdem ist das Leben allumfassendes Wirken. Werde gewahr, dass unter den zahllosen Erscheinungen, die du selbst bist, Leben ist und Tod ist.
Denke in Ruhe darüber nach, ob dieses augenblickliche Leben, und auch die mit dem Leben gleichursprünglichen gesamten Erscheinungen, mit dem Leben zusammengehen oder getrennt vom Leben sind. Zu keiner Zeit gibt es auch nur eine einzige Erscheinung, die nicht mit dem Leben zusammenginge, und nicht ein Ding, sei es materiell oder geistig, ist getrennt vom Leben.

Leben, das ist zum Beispiel wie mit einem Menschen, der in einem Boot fährt. Zwar bin ich es, der im Boot die Segel setzt und das Ruder führt, aber auch wenn ich mit der Stange navigiere, so ist es doch das Boot, das mich trägt, und außer dem Boot gibt es mich nicht. Indem ich im Boot fahre, lasse ich das Boot als Boot sein. Vertiefe dich gründlich in eben diesen Augenblick. In diesem selben Augenblick gibt es nichts als die Welt des Bootes. Der Himmel, das Wasser und alle Küsten sind die Zeit des Bootes, sie sind verschieden von der Zeit, die nicht dem Boot gehört. Ich lasse das Leben durch mich leben, und so überlasse ich mich dem Leben. Beim Fahren im Boot bilden Körper und Geist, das Subjekt und seine Umwelt, zusammen den Mechanismus des Bootes. Die große Erde und der weite Himmel sind zusammen der Mechanismus des Bootes. Und das gleiche gilt für mich, der ich Leben bin, und für das Leben, das ich bin.

Der Zenmeister Yuanwu, Priester Keqin (Engo Kakkin) sagt:
"Leben ist die Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens, Tod ist die Vergegenwärtigung allumfassendden Wirkens."
Ergründe und kläre diese Worte! Dein Augenmerk sollte sich dabei darauf richten, dass das Prinzip "Leben ist die Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens", obwohl es ohne Anfang und Ende die große Erde umspannt und den weiten Himmel ausfüllt, nicht nur das Leben als Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens nicht behindert, sondern auch den Tod als Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens nicht behindert. Auch wenn der Tod als Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens die große Erde umspannt und den weiten Himmel ausfüllt, behindert er nicht nur nicht den Tod als Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens, sondern er behindert auch das Leben als Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens nicht. Deshalb steht das Leben dem Tod nicht im Weg, und der Tod steht dem Leben nicht im Weg. Gemeinsam sind sie die große Erde und der weite Himmel im Leben und auch im Tod. Aber es ist nicht so, dass die eine ganze Erde und der eine ganze Himmel mal als Leben, mal als Tod allumfassend wirkten. Sie sind weder eins noch verschieden, weder verschieden noch identisch, weder identisch noch mannigfaltig. Deshalb sind im Leben unzählige Erscheinungen der Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens, und auch im Tod sind unzählige Erscheinungen der Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens. Und sei es weder im Leben, noch im Sterben, allumfassendes Wirken wird doch vergegenwärtigt. In der Vergegenwärtigung allumfassenden Wirkens ist Leben und Tod. Deshalb ist das allumfassende Wirken von Leben und Sterben wie das Muskelspiel eines Jünglings, oder so wie einer, der im Schlaf das Kissen hinter seinem Kopf zurechtrückt. Alles durchdringende Aufmerksamkeit und reiches, klares Licht begleiten diese Vergegenwärtigung.
Du wirst sehen, dass die Zeit eben dieser Vergegenwärtigung, indem sie durch Vergegenwärtigung allumfassend wirkt, keine Vergegenwärtigung vor der Vergegenwärtigung kennt. Dennoch gibt es vor der Vergegenwärtigung die Vergegenwärtigung des vorigen allumfassenden Wirkens. Aber auch wenn von der Vergegenwärtigumg des vorigen allumfassenden Wirkens gesprochen wird, so steht das doch der Vergegenwärtigung des jetzigen allumfassenden Wirkens nicht im Weg. Das Verstehen vergegenwärtigt sich auf diese Weise.

Zenki, das 22. Kapitel des Shôbôgenzô.
Am 13. Tag des zwölften Monats im Jahr 1242 vor der Versammlung in der Residenz des Regenten über Izumo (Hatano Yoshishige) beim Rokuharamitsu-Tempel in Yamashiro-Kuni (Kyôto) vorgetragen.
Am 19. Tag des ersten Monats im Jahr 1243 von Ejô abgeschrieben.

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Shoji - Leben und Tod