Fragen und Antworten

Fragen und Antworten
zur Person von Abt Muho, seinem Leben und dem Buch
Zazen oder der Weg zum Glück

 

Darf ich fragen, woran Ihre Mutter gestorben ist?

An Krebs.

Wie alt waren Sie da?

Sieben.

Was waren die ersten konkreteren Fragen, die Sie sich in dieser Situation gestellt haben?

Die erste ganz konkrete Frage war: "Kann ich bei der Beerdigung dabei sein?"
Die Antwort war: "Nein, dafür bist du noch zu klein."
Alle anderen Fragen kamen erst später (vielleicht mit neun oder zehn oder elf Jahren) und hatten mit dem Tod meiner Mutter nur insofern direkt etwas zu tun, als im Haus eine Bezugsperson fehlte. Meine beiden Schwestern waren erst vier und drei Jahre alt als meine Mutter starb, und mein Vater kam meist erst am Abend erschöpft von der Arbeit. Also verbrachte ich nach der Schule meist die Zeit allein in meinem Zimmer mit einer Tätigkeit, die ich "Denken" nannte: Ich lag auf meinem Bett und spann die Gedanken, die mir gerade in den Kopf kamen, endlos weiter. Einige davon ließen mich nicht mehr los:
1. Wenn jeder von uns eh irgendwann stirbt, was für einen Sinn hat dann dieses Leben? Welche Rolle spielt es, wie lang oder glücklich oder erfolgreich wir im Leben sind? Ist das nicht alles eins, wenn wir sterben?
2. Woher kommen all diese Gedanken eigentlich? Wer denkt da? Die Antwort muss natürlich "ich denke!" heißen, aber wer ist dieses "ich"? Ich kann zwar diese Gedanken denken, aber ich weiß nicht, wer dahintersteckt. Ich sehe den Denker der Gedanken nicht. Was ist dieses Subjekt der Gedanken, das sich selbst dem Zugriff der Gedanken zu entziehen scheint?
3. Welche Sichherheit habe ich eigentlich, das irgendetwas außer diesen Gedanken wirklich existiert? Könnte das nicht alles ein reiner Traum, eine Halluzination meines Hirns sein? Was, wenn ich in Wirklichkeit das einzige reale Wesen in diesem Universum bin, und der Rest nur Erfindung?

Wie machten Sie weiter?

Ich dachte, die Erwachsenen müssten das wissen. Ich fragte also zunächst meinen Vater und der sagte: "Ja, da frag doch mal die Lehrer in der Schule". Und die Lehrer in der Schule machten ein amüsiertes Gesicht, als ich die fragte: "Wer bin ich eigentlich, wer denkt da eigentlich?" Sie sagten: "Du bist ein kleiner Philosoph, wart noch mal ein paar Jahre und dann im Gymnasium oder in der Universität, da kannst du das dann wieder fragen!" Damit war das Thema für die "Großen" beendet, und auch mein Vertrauen in die "Großen" verloren.

Also, das heißt, Sie fühlten sich von den Erwachsenen nicht richtig ernst genommen?

Nein, ich fühlte mich nicht ernst genommen. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die Erwachsenen die Frage selbst verstanden hätten. Ich fühlte, dass das eigentlich faule Ausreden waren. Mein Vater schien nicht aus Spaß an der Arbeit zur Arbeit zu gehen. Die Arbeit hatte den Sinn, dass er Geld verdienen musste. Das Geld musste verdient werden, um Essen zu kaufen. Das Essen musste gekauft werden, damit wir leben können. Aber niemand erklärte mir, welchen Sinn das hat, dass wir überhaupt leben. Und im Zen hatte ich dann, irgendwann, als ich anfing Bücher zu lesen, die Hoffnung: "Oh, vielleicht werden sich alle diese Fragen einmal lösen, wenn die große Erleuchtung kommt". Und viele Jahre verbrachte ich dann damit, auf die Erleuchtung zu warten, während ich auf dem Sitzkissen saß.

Ich würde trotzdem noch mal gerne auf den kleinen Jungen zurückkommen, der sich so ganz früh und intensiv auf die Suche gemacht hat nach der Antwort auf die großen Fragen. Also, alle Kinder haben ja eine Phase, wo sie ganz intensiv diese Fragen stellen und da unheimlich mit beschäftigt sind. Und meistens verschwindet das dann wieder oder die Fragen werden so ein bisschen leiser. Aber bei Ihnen war das anders. Also offensichtlich ist diese Frage geblieben und Sie wollten der auch richtig auf den Grund gehen. Was hat Sie angetrieben?

Mit sechzehn war die Frage bei mir schon wieder am verschwinden. Und sie wäre vielleicht auch verschwunden, wäre ich nicht mit Zazen in Kontakt gekommen und wäre da nicht noch einmal diese Hoffnung aufgekommen: "Oh, vielleicht gibt es doch noch eine Antwort, vielleicht muss man das nicht einfach so verdecken oder versuchen sich da selber, wie soll man sagen, an der Nase herumzuführen und so zu tun, als wäre die Frage gar nicht wichtig." Sonst hätte ich die Frage vielleicht aufgegeben. Es lag einfach daran, dass ich mit Zazen in Kontakt kam und dann zum ersten Mal, als ich zum Beispiel auch anfing buddhistische Texte zu lesen, da spürte ich: "Oh, ich bin gar nicht der Einzige, der sich das fragt, andere haben sich auch schon diese Frage gestellt und haben da einen Weg gefunden". Das hat mir sehr viel Mut gemacht. Das hatte ich sonst nirgends gefunden.
Ich bin zwar in einem christlichen Haus aufgewachsen, mein Großvater war Pastor und wir haben da hinter der Kirche gewohnt. Aber auch in der Kirche habe ich das nie so gespürt, dass tatsächlich der Frage nach dem Grund des Lebens und warum man überhaupt lebt, richtig auf den Grund gegangen worden wäre.

Aber wenn Sie sagen, Ihr Großvater war Pastor, dann führen Sie ja in gewisser Weise eine Familientradition fort auf andere Weise.

In gewisser Weise, ja das ist richtig. Mein Großvater mütterlicherseits war Pastor. Mein Großvater väterlicherseits hingegen wurde in Japan geboren, zwar von deutschen Eltern, aber er lebte bis zum 4. Lebensjahr in Japan. Insofern war sowohl die Verbindung mit Japan als auch die Verbindung mit einem geistlichen Amt da. In gewisser Weise könnte man sagen: Eins plus eins, und das Ergebnis war ich.

Können Sie vielleicht noch mal genauer beschreiben, was es war, was Ihnen gefehlt hat, was Sie im Christentum oder in dieser Tradition, mit der Sie aufgewachsen sind, nicht gefunden haben?

Im Christentum wird sehr viel von Nächstenliebe gesprochen, was ja auch wichtig ist. Man soll den Nächsten so lieben wie sich selbst. Was mir gefehlt hat, ist die Antwort auf die Frage: "Warum muss ich mich selbst lieben, welchen Wert hat mein eigenes Leben?" Und wenn mein eigenes Leben keinen Wert hat - denn so schien es mir zumindest - warum dann den anderen lieben? Wenn ich noch nicht mal mich selbst lieben kann, wenn ich noch nicht mal Wert im eigenen Leben erkennen kann, warum das Leben eines anderen wertschätzen? Für mich schien das der erste Schritt zu sein: Warum hat das Leben überhaupt einen Wert? Bei mir fehlte eben diese Liebe zu mir selbst. Oder wahrscheinlich nicht nur bei mir, sondern viele Leute haben wahrscheinlich Schwierigkeiten, sich selbst zu lieben zunächst einmal.

Was hat Ihnen Kraft gegeben?

Was gab mir Kraft? Eigentlich nichts, bis ich mit Zazen in Kontakt kam, deshalb war diese Begegnung ja von so einschlagender Bedeutung für mich. Da fand ich zum ersten Mal einen Halt im Leben, und zwar zunächst in meinem Körper. Bis dahin hatte ich nur in meinem Körper vegetiert, ich hielt ihn gar nicht für real, nur meine Gedanken hielt ich damals für real.

Wie entdeckten Sie Zazen?

Zunächst war das Zufall, dass ich mit sechzehn an ein Internat in Braunschweig kam, an dem es einen Zazen-Kreis gab. Das war zu einer Zeit, als das Wort "Meditation" in mir die Vorstellung von Rolls Royce-fahrenden Gurus mit langen Bärten erweckte, und ich wollte damit zuerst nichts zu tun haben. Als ich zur teilnahme eigeladen wurde, sagte ich: "Nein, danke". Aber dann fragte mich der Leiter des Kreises: "Wieso kannst du sagen, dass es dich nicht interessiert, wenn du es nicht einmal ausprobierst?" Und dann habe ich mir vorgenommen, es nur einmal auszuprobieren und dann aufzuhören damit. Aber, dann habe ich weitergemacht und war schließlich jeden Tag dabei.

Gibt es ein bestimmtes Erlebnis, das Sie im Rückblick als Ihre buddhistische "Erweckung" sehen würden?

Von einer "buddhistischen Erweckung" würde ich da nicht sprechen, aber am Anfang stand zunächst die Entdeckung meines Körpers: Die Entdeckung, dass ich nicht nur einen Körper "habe", der als ein Werkzeug für mein Gehirn dient, sondern dass ich tatsächlich dieser Körper BIN, und dass ich durch diesen Körper mit der ganzen Welt darum herum verbunden bin. Das heißt, dass es nicht die Welt ist, die eine bloße Einbildung ist, sondern umgekehrt ist es die Vorstellung von dem geheimnisvollen Subjekt, das hinter den Gedanken steckt, und die unüberwindliche Mauer, die ich um dieses Subjekt gebaut hatte, die keine Realität hat. Die Entdeckung meines Körpers erlaubte mir, durch die illusionäre Mauer zwischen "mir" und "der Welt" zu brechen, d.h. einzusehen dass es da nie eine Mauer gab. Nach ungefähr einem Jahr fing ich dann an, Bücher über Zen zu lesen. Auslöser war, dass der Leiter des Kreises seinen Job am Internat aufgab und mich bat, die Gruppe weiter zu leiten. Ich glaubte damals, dass ich mehr über Zen und Buddhismus wissen sollte. In den Büchern fand ich die Fragen wieder, die ich mir selbst als Kind gestellt hatte und die mir keiner beantworten wollte: Wer bin ich? Wie leben? Auch lernte ich, dass Buddha das Leben selbst als "Leiden" - oder genauer genommen als unzufriedenstellend - erkannt hatte. Das ist eine Lehre, die von vielen als abschreckend empfunden wird, die mir aber aus dem Herzen sprach. Der Gedanke, die endlose Öde meines Lebens für 70 oder 80 Jahre ertragen zu müssen, erschien mir als Kind bedrückend. In Buddha fand ich den ersten, der genauso zu fühlen schien wie ich.

Was haben Sie dann studiert?

An der FU Berlin habe ich zunächst im Doppelstudium Japanologie und Philosohpie als Magisterstudium und Physik als Diplomstudium studiert, brach das Physikstudium dann aber zwei Jahre später, nach dem Vordiplom ab, denn obwohl es meiner theoretisch-mathematischen Veranlagung am meisten zusagte, hatte es doch am wenigsten mit meinem Leben zu tun.

Als Sie nach Japan gingen, wie gut konnten Sie da die Sprache?

Zum ersten Mal ging ich mit 19 für drei Monate nach Japan. Am Gymnasium hatte ich ein Jahr Japanischuntericht gehabt, deshalb konnte ich mich mit Händen und Füßen und auch auf Japanisch ein klein wenig verständigen. Als ich während des Studiums, mit 22, für ein Jahr nach Japan ging, war mein Japanisch bereits gut genug, um mich zu verständigen. Nicht fließend, aber ich konnte alles ausdrücken, was ich sagen wollte, und ich verstand auch, was die anderen sagten. Als ich dann nach dem Magister, mit 24, auf Dauer nach Japan ging, hatte ich keine Sprachprobleme mehr. Wenn es um buddhistsiche Fachtermini ging, kannte ich mich bereits besser aus als die meisten Japaner.

Und wie vertraut waren Sie mit dem Land und den dortigen Regeln?

Mit 19 natürlich kaum, nur aus Büchern, aber in der Realität funktioniert das natürlich immer anders als in den Büchern. Auch mit 22 und 24 musste ich da immer noch dazulernen.

Sie sind dann in ein buddhistisches Zentrum gegangen. Als Gast? Oder als aktives Mitglied?

Mit 22 ging ich zunächst an die Universität Kyoto für 6 Monate, danach für 6 Monate nach Antaiji als Gast. Mit 25 wurde ich dann im Antaiji als Mönch ordiniert, war also ein aktives Mitglied (aber das kann zu einem gewissen Grad auch für die ersten 6 Monate mit 22 gesagt werden, denn als Gast ist man hier ebenfalls aktiv am Tagesablauf beteiligt).

Wie waren die nächsten Schritte? Wann genau wurden Sie Mönch?

Nach den 6 Monaten, die ich 1990 als Gast in Antaiji verbrachte, ging ich zurück nach Berlin, machte den Magister, fing auch noch für kurze Zeit ein Promotionsstudium an, dass ich aber abbrach, um 1993 Mönch in Antaiji zu werden.

Was bedeutet der Name Muho? Warum haben Sie ihn angenommen?

Muho bedeutet wörtlich: "Keine Richtung", kann aber auch "Jede Richtung" bedeuten. Es bedeutet: "Offen für jeden und alles". Es beschreibt, zum Beispiel, den Zustand des Himmels, der in jeder Richtung offen ist, 360 Grad. Und ich habe mir den Namen ausgesucht, weil ich nicht festgelegt werden wollte in die eine oder andere Richtung. Meine Mönchsbrüder hatten Namen wie zum Beispiel "Die Wolke des Mitgefühls", was auch ein sehr schöner Name ist, aber dann ist man halt immer unter dem Druck: "Du musst ein Mensch mit viel Mitgefühl sein" und ich wollte mich nicht festlegen lassen in die eine oder andere Richtung. Ich wollte nicht "Kluger Stein" heißen oder was auch immer, sondern "keine Richtung", das gefiel mir gut.

Nach zehn Jahren gingen Sie nach Osaka. Warum?

Meine Lehre unter meinem Meister war beendet, dh. er hatte mir den Dharma übertragen. Das bedeutet, dass er mich selbst als eigenständigen Zenmeister anerkannt hat. Deshalb fühlte ich, dass es Zeit für mich war, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich wollte eine Zengruppe in der Großstadt aufmachen, und ich tat es im Schlosspark von Osaka, wo ich im Zelt unter anderen Obdachlosen lebte.

Wann und wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

In Osaka, vor fünf Jahren. Sie nahm an der Zazengruppe teil.

Was haben Sie gelernt, in diesem Leben im Park?

Nun, einfach gesagt: "Loslassen!" Um das Loslassen geht es ja überhaupt im Zen. Aber selbst wenn wir glauben, vollkommen loszulassen, hängen wir doch immer noch an der Idee vom eigenen Raum und der eigenen Zeit, die wir gerne für uns hätten. Wir sind bereit, einen Großteil des Tages zu opfern für andere, einen Großteil des Tages dazusein für andere, aber am Ende des Tages wollen wir doch noch einen Raum für uns haben und Zeit für uns haben. Und im Park ist das nicht der Fall, da ist man in einem öffentlichen Gelände. Man hat zwar seine blaue Plane da, aber unter der Plane ist man immer erreichbar für Leute, die da vorbeigehen, spazieren gehen oder die Parkverwaltung. 24 Stunden am Tag ist man öffentlich zugänglich sozusagen. Und das war eine große Erfahrung, dass das auch geht, dass das im Grunde gar nicht nötig ist, dass man sich irgendwo abkapselt und sei es nur für ein paar Stunden am Tag in der eigenen Bude, wo einem dann keiner reinreden kann.

Als Sie der Anruf erreichte, dass ihr Meister tötlich verunglückt war, war ja für Sie klar, das ist mit der Aufforderung verbunden ist, die Nachfolge zu übernehmen? Und gab es da einen Moment des Zweifels in Ihnen?

Es war mir ja nicht von Anfang an klar, dass das dazu führen würde, dass ich der Nachfolger werden würde. Ich hatte ja auch noch verschiedene Dharma-Brüder, die auch mögliche Kandidaten gewesen wären. Ich war der einzige Nichtjapaner und normalerweise würde man erwarten, dass ein Japaner den Job übernimmt. Und ich wäre lieber eigentlich im Park geblieben noch für eine Weile, vielleicht für zwei, drei Jahre. Das Leben hatte mir da sehr Spaß gemacht. Andererseits wollte ich aber auch Antaiji, das Kloster da nicht verkommen lassen. Deshalb habe ich gesagt: "Wenn irgendjemand an meiner Stelle den Job haben möchte, bitteschön, ich fühle mich hier sehr wohl im Park. Aber, wenn keiner das macht, dann werde ich das übernehmen". Und letztlich war ich dann der Dumme, an dem das hängen blieb. Und dann sagten sie mir: "Ja, okay, mach du das mal, wir wollen das nicht".

Und sind Sie jetzt immer noch der Dumme? Oder der Glückliche?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Als ich als Abt berufen wurde, fühlte ich zunächst die Schwere der bevorstehenden Aufgabe. Als Abt die Verantwortung für das Kloster zu übernehmen bedeutet, sich für mindestens 10, 15 oder 20 Jahre zu verpflichten, solange, bis man einen Nachfolger gefunden hat. So ein bisschen wie ein Kapitän, der bereit sein muss, im Notfall mit seinem Schiff unterzugehen. Als Obdachloser konnte ich da sorgloser in den Tag hinein leben.

Auch jetzt ist das keine leichte Sache, da den Abt zu spielen in Antaiji, aber es ist auch eine Aufgabe, die meinem Leben Sinn gibt. Und insofern genieße ich das natürlich auch und ich empfinde es als eine große Ehre, der Abt in Antaiji sein zu dürfen. Manchmal macht es mich glücklich, manchmal macht es mir große Sorgen auch und bereitet mir Kopfzerbrechen auch bisweilen, aber ich glaube auch, dass es seinen Wert hat, dieses Kopfzerbrechen über sich ergehen zu lassen.

Sie wurden zum Abt, weil Sie offenbar qualifiziert waren. Was haben Sie seitdem noch dazugelernt?

Als Mönch war ich nur für mein eigenes Leben, meine Praxis und begrenzte Aufgaben im Kloster verantwortlich. Als Abt habe ich zu lernen, Verantwortung nicht nur für mich selbst, sondern auch für alle anderen zu übernehmen. Ich muss versuchen, die unterschiedlichsten Individuen mit den unterschiedlichsten Problemen und verschiedensten Vorstellungen davon, wie das Klosterleben auszusehen hat, unter einen Hut zu bringen.

Können Sie Ihren Tagesablauf beschreiben?

Der Arbeitstag, das sind 15 Tage im Monat, da meditieren wir von vier bis sechs. Dann gibt es Frühstück. Danach wird sauber gemacht bis um sieben. Dann ist eine kurze Pause bis um halbacht. Von halbacht bis zwölf Uhr mittags wird gearbeitet. Wir sind Selbstversorger, das heißt, da ist viel Arbeit in den Gemüsefeldern. Wir haben Reisfelder, viele Wälder, wo wir dann Bäume fällen und runtertragen ins Tal und dort hacken. Und die Herde werden mit Holz gefeuert, das Bad wird mit Holz geheizt. Im Winter, die Geräumigkeiten werden mit Holz geheizt. Am Nachmittag, dann wiederum von eins bis um drei oder vier wird gearbeitet, danach wird gebadet. In Japan badet man fast täglich. Dann um fünf Abendessen. Um halbsechs ein Treffen, bei dem wir besprechen, was am Tag erledigt wurde, was am nächsten Tag zu erledigen ist. Und dann von sechs bis acht noch mal zwei Stunden zur Zen- Meditation. Das heißt, von vier Uhr morgens bis acht Uhr abends ist der Tag relativ ausgefüllt.

Und wo passt jetzt Ihre Familie da rein? Sie haben eine Frau, Sie haben zwei Kinder, die teilweise im Kloster mitleben. Und als Sie jetzt gerade den Ablauf beschrieben haben, habe ich mich gefragt: "Wie geht das jetzt zusammen, also dieser sehr strenge Ablauf und dann das Chaos, was kleine Kinder ins Leben normalerweise reinbringen?"

Das ist richtig. Das ist eine Frage, die ich mir selbst oft stelle: Wie kann ich mehr Zeit schaffen, um die Familie in meinen Tagesablauf zu integrieren? An den sechs freien Tagen im Monat ist das natürlich kein Problem, da verbringe ich die Zeit mit meiner Familie. Da esse ich auch mit meiner Familie. An den anderen Tagen esse ich mit der Klostergemeinschaft, getrennt von der Familie. Ich versuche so viel wie möglich während des Tages, zum Beispiel, während der halben Stunde nach dem Frühstück, vor der Arbeit, mit den Kindern zusammenzusein. Sie gehen tagsüber in den Kindergarten. Ich hole sie am Nachmittag ab - nach dem Ende der Arbeit am Nachmittag. Wir schlafen, wie das in Japan gewöhnlich üblich ist, alle im selben Futon. Das heißt die Nacht verbringen wir zusammen. Allerdings ist es oft so, dass die Kinder schon schlafen bevor ich schlafen gehe und dann noch schlafen, wenn ich aufstehe.

Wenn Sie zurückblicken und sich selbst als Teenager, als junger Mann, als Studenten und als Erwachsener sehen: Was scheint Ihnen da das Wesentliche an Ihrer Entwicklung zu sein?

Ich lerne, von mir selbst abzusehen, dh. mich selbst zu vergessen, und die Augen für die Welt zu öffnen, dh. mich selbst in der Welt zu entdecken. Ich lerne, dass es nicht darum geht, was die anderen für mich tun können, sondern darum, was ich für die anderen tun kann. Ich lerne, dass das Leben keinen Sinn hat, solange ich ihm keinen gebe. Und gleichzeitig, dass das Leben eigentlich gar keinen "Sinn" benötigt, sondern dass die Tatsache, dass ich in diesem Augenblick am Leben bin, atme, die Klänge der Welt höre, an sich schon wunderbar ist. Dass ich dankbar bin dafür, am Leben zu sein, und etwas zurück geben will, an statt noch mehr Zufriedenheit, Glück oder Sinn zu fordern, ohne zu wissen, worin diese Zufriedenheit, dieses Glück oder dieser Sinn eigentlich bestehen könnten.

Welche Fehler haben Sie gemacht (und vielleicht erst heute erkannt)?

Die Fragen, über die ich mir als Kind den Kopf zerbrach, waren eigentlich alle falsch gestellt. Später machte ich den Fehler, mir vom Buddhismus die Erleuchtung zu versprechen, die ich für die Antwort auf all diese falschen Fragen hielt. Erst später erkannte ich, dass es vielmehr darum geht, loszulassen: Loslassen von der falschen Vorstellung eines versteckten "wahren Selbstes", loslassen von der fixen Idee, das Leben müsse diesen oder jenen Sinn haben, loslassen selbst von der Suche nach Erleuchtung oder Glück oder was auch immer. Zulange habe ich mich in meiner eigenen geistigen Welt eingeschlossen. Ich musste erkennen, das Zen keine Suche im Innern ist, sondern ein Sich-Öffnen nach Außen.

Von einem Zenmeister stammt der Ausspruch, über Zen zu schreiben, das wäre so, als würde man einem Fisch Füße ankleben. Weshalb haben Sie versucht, einem Fisch Füße anzukleben?

Über Zen zu schreiben ist im Glücksfall so, wie einem eine Landkarte in die Hand zu drücken, damit er weiß, wohin er gehen muss. Dass bedeutet natürlich nicht, dass die Landkarte ein Ersatz für die Wanderschaft selbst ist, und es reicht auch nicht, bloß mit dem Finger über die Landkarte zu wandern. Mein Buch soll allerdings weniger eine Landkarte sein als eine Frage an den Leser: Wie genau weißt du selbst, wo du dich im Augenblick befindest?

Ich weiß nicht, ob das Ihnen aufgefallen ist, also hier in Deutschland sind die Buchläden ja voll mit Büchern wie man das Glück findet, wie man es dauerhaft erlangt, wie man ein glückliches Leben führt, mit ganz vielen Tipps, auch ganz unterschiedlichen Wegen, die beschrieben werden. Aber was alle miteinander verbindet, ist, dass jedes Buch sozusagen ein ultimativen Weg zum Glück propagiert. Und ich entnehme dem, was Sie bisher erzählt haben, dass Sie da skeptisch sind oder eher vorsichtig sind.

Ich bin da sehr vorsichtig, deshalb bin ich auch mit dem Titel meines Buches "Zazen oder Der Weg zum Glück" nicht so ganz glücklich, denn er scheint ja zu suggerieren, dass in dem Buch der Weg zum Glück zu finden ist. Und das ist nicht der Fall, sondern ich beginne mit der Frage: "Was ist Glück eigentlich?" Dann versuche ich meine Antwort in meinem Leben darzustellen, aber das wird keine Antwort sein, die für jeden anderen gültig ist. Stattdesseb will ich den Leser einzuladen, sich selbst die Frage zu stellen: "Was ist eigentlich Glück?"
Ich glaube, dass uns deshalb für Leidende halten, weil wir so verzweifelt versuchen, glücklicher zu sein. Dabei setzen wir allerdingsd das Glück meist zu hoch an, oder in Bereichen ansetzen wo es eigentlich nicht zu finden ist. Die Unzufriedenheit die wir spüren - ich glaube das ist eine biologische Notwendigkeit, dass wir als Menschen unzufrieden sind - wir dnur noch verstärkt dadurch, dass wir glauben, wir müssten eigentlich noch glücklicher sein. Für mich hat Glück etwas zu tun mit Loslasssen von diesem verzweifelten Versuch: "Ich will noch glücklicher sein als ich in diesem Moment bin, ich will noch mehr haben als ich ohnehin schon habe."

Was genau ist Zazen und weshalb halten Sie es für wichtiger, als sich gut zu fühlen?

Zazen bedeutet einfach zu sitzen. Ohne Erwartungen, ohne Extras. Wer es kann, sitzt im Lotussitz, da dies die stabilste Haltung ist, und eine stabile Körperhaltunmg auch dem Geist Stabilität verleiht. Zazen ist aber nicht auf den Lotussitz beschränkt, und alle Handlungen während der 24 Stunden des Tages sollten Teil von Zazen sein.
Nichts ist dagegen einzuwenden, wenn wir uns gut fühlen. Aber müssen wir uns ständig gut fühlen? Ist das überhaupt möglich? Ich glaube: nein. Es ist ganz natürlich, dass wir uns mal gut und mal nicht so gut fühlen. Wichtig ist es, in diesem Wellenbad von guten und schlechten Gefühlen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dabei hilft Zazen.

In dem Buch "Zazen oder der Weg zum Glück", das in erster Linie eine Autobiographie, in zweiter Linie ein Buch über Zen und nicht zu Letzt auch ein an Zitaten reiches Buch über Glück ist, gibt es immer wieder Statements zum Glück, die sich zum Teil widersprechen und bei denen ich mich einige Male gefragt habe, was das mit Zen zu tun hat. Wenn es im Schlusskapitel heißt "Zazen ist ein Weg des Loslassens. Jedoch darfst du nicht den Fehler machen, das Loslassen als eine Methode zum Glücklichsein zu verstehen", stellt sich mir die Frage, warum dann so viel Aufhebens um die unterschiedlichen Konzepte und Ansichten zum Thema Glück?

Die Widersprüche stören mich nicht im Geringsten, sind zum Teil sogar beabsichtigt, denn in dem Buch geht es ja nicht darum, eine Antwort auf die Frage nach dem Glück zu geben, sondern umgekehrt, den Leser dazu einzuladen, sich die Frage "Was ist Glück?" erst einmal selbst zu stellen. Die Zitate sollen dabei lediglich Gedankenanstöße sein, keine schlüssige Beweiskette bilden. Viele der Zitate haben in der Tat nichts mit Zen im engeren Sinn zu tun, aber ich wollte das Thema des Buches auch nicht auf Zen eingrenzen, denn es geht in der Tat auch um Glück im Allgemeinen. Deshalb beginne ich mit der Frage nach Glück und setze mich in jedem zweiten Kapitel des Buches unter verschiedenen Gesichtspunkten (Unzufriedenheit, Liebe, Arbeit und Familie etc.) und zum Teil auch kritisch mit unterschiedlichen Konzepten und Ansichten dazu auseinander. Was mir wichtig war, ist den Leser, der das Buch vielleicht wegen des Titels "Zazen oder der Weg zum Glück" - der übrigens nicht von mir stammt - in die Hand genommen hat, am Ende des Weges mit der Frage zu konfrontieren: "Zazen - ein Weg zum Glück?" Das bedeutet nicht, dass Glücklich-Sein am Ende nicht so wichtig ist, oder das Zazen wichtiger ist als Glück, sondern dass das Glück im Loslassen vom Glück besteht, nicht darin, ihm hinterher zu laufen: "Lass los und sieh: Es füllt deine Hände!" Hier besteht allerdings immer noch die Gefahr, dass der Leser glaubt, man müsse nur loslassen, um glücklich zu sein. Denn dann wird die Idee "Glück bedeutet Loslassen" bloß zu einer weiteren Methode des dem-Glück-Hinterherlaufens und ist es kein echtes Loslassen mehr. Deshalb sage ich, dass wir selbst das Loslassen noch loslassen müssen.

Eine in diesem Buch von Ihnen zitierte Ausführung von Sawaki Kodo zum Erreichen des natürlichen Gleichgewicht des Körpers, was mit Erwachen gleichgesetzt wird, klingt sehr nach dem, was auch im Yoga gesagt wird. Gibt es Parallelen zur Yogapraxis? Und spielen - neben der körperlichen Arbeit - auch körperliche Übungen in japanischen Zenklostern eine Rolle?

Dass es da Parallelen gibt, kann ich mir gut vorstellen, besonders wenn Sawaki sagt: "Zen ist nicht Spirituelles, Zen wird mit dem Körper praktiziert!" Damit will er natürlich nur dem Vorurteil widersprechen, Zen sei in erster Linie eine Geistesdisziplin. Umgekehrt könnte man vielleicht vom Yoga sagen: "Yoga ist keine Körpertherapie, im Yoga geht es um den Geist!", da viele Menschen Yoga für nichts weiter als Streckübungen zu halten scheinen. Neben der Arbeit verstehen wir natürlich das Sitzen in Zazen und die 10 bis 15 Minuten im Gehen (jap. Kinhin) zwischen den Sitzperioden als eine körperliche Übung, und auch das Essen, Saubermachen, Baden oder der Stuhlgang sind körperliche Übung. Wir machen allerdings keine Streckübungen oder Tai-chi-Übungen, auch keinen Kampfsport, zumindest nicht in der Gruppe. Es steht aber jedem einzelnen frei, an freien Tagen oder am Abend seine eigenen Übungen zu praktizieren.

Wenn Sie feststellen, dass es im Zazen auch darum geht, mit dem Schmerz eins zu werden, so erinnert mich das zum einen an die Aussage des indischen Yogameisters B. K. S. Iyengars, der sagte: "Schmerz sei dein Meister", zum anderen haben solche Weisungen aus meiner Sicht auch einen fatalistischen und lebensfeindlichen Beigeschmack. Erwarten Sie Selbstaufgabe, wenn Sie in Ihrem Buch schreiben: "Wenn du nicht mit der Bereitschaft zu sterben sitzt, wirst du nicht in der Lage sein, den Weg des Zazen zu finden"? Worin unterscheidet sich diese Einstellung von der Kamikaze-Mentalität der Militärs und totalitärer Systeme?

Der Schmerz selbst ist Teil des Lebens. Wenn wir sagen: "Dieser Schmerz bringt mich noch um, das will ich nicht, ich will hier raus!", dann verschließen wir uns damit nicht nur vor dem Schmerz, sondern auch vor dem Leben in seiner Ganzheit. Bezogen auf das Glück schreibe ich deshalb, dass wir uns erst einmal unserer Unzufriedenheit gegenüber öffnen müssen. Das Gleiche gilt für den Schmerz. Wenn ich also sage, wir müssen bereit sein zu sterben, dann ist das umgekehrt auch die Aufforderung, sich dem Schmerz und damit dem Leben, so wie es ist, gegenüber zu öffnen. Ich sage auch: "Im schlimmsten Fall wirst du sterben, doch auch das ist nur halb so schlimm!" Denn sterben werden wir ohnehin, und Leben und Tod gehören - auch wenn das keiner zu glauben scheint - von Anfang an zusammen. Ob diese Einstellung Selbstaufgabe ist oder nicht, hängt davon ab, was man unter "Selbstaufgabe" versteht. Oft kann ich feststellen, dass in dem Moment, in dem ich glaube, mich selbst aufzugeben, ich mich in dem wiederentdecke, an das ich mich aufgebe: Sei es Schmerz, ein Kompromiss, all das, was ich gewöhnlich nicht als ein Teil meiner selbst betrachte. Selbstaufgabe ist dann aber nichts anderes als Selbstverwirklichung.
Die Frage nach der Kamikaze-Mentalität der Militärs ist komplex. Tatsächlich glaube ich, dass die Einstellung der Zenmönche, die nicht an ihrem Ego festhalten, diese anfälliger macht gegenüber der Vereinnahmung durch totalitäre oder sonstige Ideologien. Diese Gefahr besteht immer dann, wenn das persönliche Ego aufgegeben wird zugunsten einer größeren Instanz (zB. der Nation), die aber ebenfalls nicht universell ist, sondern lediglich eine Vergrößerung des Ego bedeutet.

Sie leben oben auf einem Berg, sehr abgeschieden. Im Winter fällt so viel Schnee, dass Sie für Monate vom Rest der Welt abgeschnitten sind. Und Sie verbringen viele Stunden am Tag mit Zazen, mit der Sitzmeditation. Sie leben also ein sehr stilles und einfaches Leben. Wie erleben Sie den Kontrast zwischen der Großstadthektik und der Stille auf dem Berg?

Ich glaube, dass man selbst in den Bergen keine Ruhe findet, solange man die Ruhe nicht in sich selbst trägt. Wenn der eigene Geist keine Ruhe hat, dann werden die Gedanken so viel Lärm im Inneren erzeugen, dass man selbst fernab in den Bergen, wo kein einziges Auto zu hören ist, keine wirkliche Ruhe finden wird. Wenn man dagegen eine gewisse Ruhe in seinem Innern gefunden hat, dann macht das überhaupt nichts, wenn auf der Straße die Lastwagen dröhnen oder ab und zu mal eine S-Bahn vorbeifährt. Denn das nimmt man dann einfach auf, lässt die Bahn am Fenster vorbeifahren und dann ist sie auch wieder weg. Das stört die innere Ruhe nicht. Und das ist ja die Ruhe, auf die es ankommt, nicht so sehr die Dezibel, die außen zu hören sind.

Ist der Umstand, dass ein japanisches Zen-Kloster und dessen Abt im Internet und in den Medien präsent sind, ein Indiz für den allgemeinen Wandel des japanischen Zen in Richtung Offenheit und Medienpräsenz? Gibt es in Japan auch Klöster, die sich der Öffentlichkeit entziehen und Wert legen auf Wahrung der Tradition?

Wahrscheinlich gab es zu allen Zeiten Mönche und Äbte, die sich mehr in die Einsamkeit zurückzogen, und solche, die in die Welt und das Rampenlicht hinaustraten. Zu viel Medienrummel schadet der Stabilität der eigenen Praxis, aber wenn wir uns ganz in den Bergen abschließen, dann geben wir damit das Ideal auf, für alle Menschen da zu sein. Es geht darum, einen Weg der Mitte zu finden, aber der ist nicht klar definiert, sondern jeder hat seinen eigenen "Weg der Mitte". Für Antaiji bedeutet das, dass wir 15 Kilometer von der nächsten Kleinstadt und fünf Kilometer von der nächsten Bushaltestelle entfernt sind, dafür aber im Internet präsent sind und ich auch ein Buch geschrieben habe. Andere Klöster haben andere Wege, ihre jeweilige Distanz oder Nähe zur "Welt" zu wahren.

Sie leben als buddhistischer Mönch und Abt des Klosters Antaiji nach den Regeln der Zenmönche und sind zugleich Familienvater, dessen Frau und Kinder mit im Kloster leben. Hat eins von beiden Vorrang oder müssen immer wieder neu Kompromisse gefunden werden?

Es müssen in der Tat immer wieder neu Kompromisse gefunden werden. Ich verstehe beide Aspekte meines Lebens als Teil meiner Zenpraxis, und glaube nicht, dass das eine wichtiger ist als das andere. Da ich aber nicht an zwei Orten zugleich sein kann, muss ich immer wieder feststellen, dass ich hier oder dort Abstriche machen muss. Das ist nicht einfach.

Ist die Anzahl der mehrheitlich aus dem Westen kommenden Schüler und Schülerinnen im Antaiji-Kloster bewusst überschaubar oder sind Sie auch offen für große Gruppen?

Ich bin offen für jeden, der hier als Teil der Gemeinschaft an unserem Programm teilnehmen will. Allerdings stellt sich für viele, die hier herkommen, leider bald heraus, dass das nicht so einfach ist, wie man es sich beim Lesen eines Buches oder dem Internetsurfen gerne vorstellt. Gut wäre es, zwischen 10 und 30 Praktizierende im Kloster zu haben, mit einer Überzahl von Langzeitbewohnern. Zur Zeit sind leider die meisten Besucher hier nur für kurze Zeiträume.

Gehört der Kopfstand, in dem Sie am Ende des Dokumentarfilms "Der Abt von Antaiji" zu sehen sind, zur "Hölle, durch die man durch muss" oder soll diese Umkehrhaltung die beschwerliche Praxis des stundenlangen Sitzens erleichtern?

Das mit dem Kopfstand war nur ein Spaß. Anders als im Yoga stehen wir im Zen gewöhnlich nicht Kopf. Mir kam die Idee, eine Persiflage auf ein Photo von einem levitierenden Guru zu machen. Also stellte ich mich auf den Kopf, bat meine Frau, ein Photo davon zu machen, und drehte es dann einfach um. Den Filmemacherinnen gefiehl das offenbar, deshalb sollte ich es für den Dokumentarfilm wiederholen. Das ist alles, es hat keine tiefere Bedeutung.  

Wieviele Stunden, schätzen Sie, haben Sie in Ihrem Leben schon mit Zazen zugebracht?

Mindestens 30.000 Stunden würde ich sagen. Das sind 1800 Stunden jährlich während der letzten 15 Jahre (=27.000 Stunden) zuzüglich mindestens 3000 Stunden während der 8 Jahre, die ich Zazen praktiziert habe bevor ich nach Antaiji kam. Wieviele tausend Stunden das jetzt genau sind, ist aber gar nicht wichtig, denn man kann sich auch durch Zazen hindurch schlafen, oder umgekehrt auch dann meditieren, wenn man nicht auf dem Kissen sitzt. Das Ziel ist es, täglich 24 Stunden zu meditieren.

Können Sie beschreiben, was innerlich in Ihnen passiert, sobald Sie sich auf dem Sitzkissen niedergelassen haben?

Nichts Besonderes. Ich sitze einfach und lasse los und öffne mich für alles in allen Richtungen. Deshalb unterscheiden sich diese Stunden auf dem Kissen inzwischen auch nicht großartig von der Zeit, die ich mit Arbeit, Essen oder auf dem Klo zubringe.

Wieviel Disziplin gehört zum Zazen?

Das kommt darauf an, mit wieviel körperlichen Schmerzen und inneren Widerständen einer zu kämpfen hat. Wenn diese - besonders am Anfang des Weges - sehr groß sind, kann es schon sein, dass man "durch die Hölle gehen muss" oder "bereit sein muss, zu sterben", wie ich das manchmal ausdrücke.

Benötigen Sie noch Disziplin, um sich innerlich zum Zazen zu motivieren?

Kaum, denn die Stunden in Zazen beanspruchen mich vielleicht sogar am wenigsten. Denn außerhalb des Zazen bin ich entweder als Abt oder als Familienvater gefragt und scheine oft weniger Zeit und Energie als nötig zu haben, um alle glücklich zu machen (auch wenn das natürlich eine Illusion ist). Die Zeit in Zazen gehört mir 100%.

Verhärtet einen die Strenge der Meditation innerlich?

Nein, ich würde eher sagen, dass es einem erlaubt, weich und flexibel zu werden. Natürlich wird auch Disziplin und Konzentration erfordert. Hier das richtige Gleichgewicht zu finden ist so, als wollte man eine Geige stimmen: Die Saiten dürfen weder zu stramm noch zu locker sein.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Zen in Japan zu einer Ware verkommen ist. Können Sie uns das erläutern?

Nicht nur Zen sondern der Buddhismus im Allgemeinen wird in Japan sowohl von den Priestern als auch von den angeschlossenen Tempelgemeinden als ein Geschäft verstanden, bei dem sich die Angehörigen eines Verstorbenen die Dienstleistung eines Priesters in Form von Sutrenrezitation und Verleihung eines buddhistischen Namens erkaufen. Ein Priester kann für eine Beerdigung über 10.000 Euro verlangen, dazu kommen alljährliche Gedenkzeremonien, Miete des Friedhofgrabs etc. Die meisten Priester sind durch diesen Dienstleistungsberuf so ausgelastet, dass ihnen offenbar keine Muße zum Zazen oder anderen spirituellen Beschäftigungen bleibt.

Was halten Sie von dem Satz: 'Jeder ist so glücklich, wie er es verdient'?

Der Satz klingt etwas missverständlich. Wenn damit gesagt werden soll, dass jeder, der unglücklich ist, selbst daran Schuld hat, könnte man fragen: Und was ist mit den hungernden Kindern in Afrika oder den Bombenopfern im Irak? Der Satz ist aber insofern richtig, als unsere innere Einstellung bestimmt, wieviel Glück wir in einer bestimmten Situation erfahren. Vielleicht weniger missverständlich ist der Satz "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied", obwohl auch hier auf die gleiche Problematik zu achten ist: Einfluss haben wir direkt auf die inneren Bedingungen des Glücks, jemandem auch für seine äußere Situation die Verantwortung zu geben, führt zu weit.

Was bereitet Ihnen ganz persönlich ein besonderes Glück?

Die Zeit mit meinen Kindern.

Glauben Sie, dass in unserer heutigen "Spaßgesellschaft" eine falsche Vorstellung von Glück vorherrscht?

Ja, darüber habe ich ausführlich in meinem Buch geschrieben. Mit einem Satz gesagt: Ich glaube, dass Glück missverstanden wird als ein Gefühl, dem wir hinterherlaufen müssen, oder es sonst irgendwie "machen" müssen. Ich glaube dagegen, dass das Glück kein Gefühl sondern die Praxis ist, die darin besteht, das Leben in jedem Augenblick ganz zu leben.

Nach christlicher Vorstellung bereitet es einem inneres Glück, gut zu seinen Mitmenschen zu sein. Im Zen-Buddhismus scheint sich immer alles nur um die eigene Person zu drehen. Spielt der genannte Aspekt keine Rolle?

Der genannte Aspekt, für andere da zu sein, spielt im Zen und überhaupt dem ganzen Mahayana-Buddhismus, zu dem alle Schulen des japanischen Buddhismus gehören, sogar eine ganz zentrale Rolle. In meinem Buch behandele ich ebenfalls die Praxis eines Bodhisattva. Das ist einer, der versucht, alle leidenden Wesen zu retten, bevor er selbst gerettet wird. Das heißt, er verzichtet so lange auf das Nirvana (d.h. Glück), bis alle anderen im Nirvana sind. Das Paradoxe: Sobald ein Bodhisattva mit reinem Herzen den Wunsch fasst, für andere da zu sein und sich auf diese Weise selbst vergisst, wird er feststellen, dass er selbst nicht glücklicher sein kann, als er schon ist.

Gibt es noch unzufriedene Momente in ihrem Leben?

Ja, ich bin ständig unzufrieden. Aber ich bin nicht mehr unzufrieden mit meiner Unzufriedenheit, d.h. ich bin mit meiner Unzufriedenheit glücklich.

Ist Unzufriedenheit nicht ein wichtiger Motor des Fortschritts?

Ja, genau. Allerdings ist die Frage, in welche Richtung dieser Fortschritt eigentlich führt. Von Pfeil und Bogen zur Atombombe: Das ist auch eine Art von Fortschritt.

Sie erzählen in Ihrem Buch von der Zeit im Saifukuji-Kloster und der Gewalt im Rinzai-Zen. Wie denken Sie rückblickend über die erfahrene Härte?

Mir persönlich hat das geholfen, von vielen falschen Vorstellungen loszulassen und Dankbarkeit zu empfinden für die einfache Tatsache, dass ich heute am Leben bin. Trotzdem würde ich keinem die gleiche Schule wünschen.

Was halten Sie vom Zölibat für katholische Priester?

Das Zölibat soll den Priestern wohl ermöglichen, ihre ganze Zeit und Energie und Liebe für ihre Gemeinde aufzuwenden. Wenn das funktioniert, ist es eine gute Sache. Wenn es umgekehrt zu sexueller Perversion hinter den Kulissen führt, muss man sich überlegen, ob es nicht besser ohne den Zölibat wäre. In meinem eigenen Leben erfahre ich, dass es tatsächlich nicht einfach ist, die Familie und ein priesterliches Amt unter einen Hut zu bekommen. Aber ob ich persönlich auch zölibatär leben könnte, daran habe ich Zweifel.

Sie leben seit langer Zeit in Japan. Was, denken Sie, können Deutsche von Japanern lernen, und Japaner von Deutschen?

Deutsche können von Japanern lernen, sich auf den Standpunkt ihrer Mitmenschen zu stellen. Japaner vermögen es, eine Situation nicht nur aus der eigenen Perspektive, sondern auch aus den Augen der anderen zu betrachten. Das macht es oft leichter, Konflikte zu lösen, bzw. es führt von Anfang an zu sehr viel weniger Konflikten.
Japaner können von Deutschen lernen, ihren eigenen Standpunkt klar auszudrücken und Ziele zu setzen. Die genannte Orientierung an der Gruppe führt in Japan oft dazu, dass der Konsens in der Gruppe überhaupt keinen klaren Standpunkt reflektiert und die Entscheidungen in der Gruppe ziellos und ad hoc getroffen werden.

Sind 1800 Std Zazen pro Jahr nicht etwas viel?

1800 Stunden im Jahr entsprechen knapp fünf Stunden täglich. Ob das viel oder wenig ist, muss wohl jeder für sich entscheiden. Ich halte die Frage für belanglos. Mein Meister sagte jedoch immer: "Der durchschnittliche japanische Angestellte sitzt 2000 Stunden im Jahr im Büro. Wie kommt es, dass wir als Zenmönche nur 1800 Stunden auf dem Zazen-Kissen sitzen?"

Würden Sie sich nach nun etwa 30 000 Std Zazen als erleuchtet bezeichnen?

Nein.

Oder anders gesagt: Wurden sie schon mal erleuchtet? Denn ich glaube, die Erleuchtung ist nur ein Moment. Der Moment, wenn man mit seinem Kern, dem Licht, in Berührung kommt. Vergleichbar wohl nur beim Tod, wenn von einem das Ego abfällt. Womöglich berichten deswegen viele Rückkehrer vom gleissenden Licht, das sie sahen. Auf jeden Fall frage ich mich als Anfänger wieviel Zeit zu investieren langfristig sinnvoll ist. Auch wenn ich mir diese Fragen sicherlich selber beantworten muss bzw sollte, würde ich gerne ihre Meinung dazu hören. Dabei kommt es mir gar nicht so sehr auf die Erleuchtung an sondern vielmehr um den theoretischen Weg dahin.

Erleuchtung? Nein danke, bitte nicht für mich. Wie Sie ganz richtig sagen, ist das, was gewöhnlich Erleuchtung genannt wird, nur ein Moment, in dem man mit etwas in Berührung zu kommen scheint, das man dann später als "Kern" oder "Licht" oder "ewiges Leben" oder was auch immer bezeichnet. Solche Momente gibt es schon, meiner Erfahrung nach besonders während der ersten zehn Jahre der Zazen-Praxis. Danach seltener, denn die Praxis ist dann nicht mehr verschieden vom Alltag. Nur am Anfang, wenn noch ein krasser Unterschied zwischen unserem Alltagsleben und der Erfahrung in Zazen besteht, haben wir diese Gipfelerlebnisse. In meinem Buch erwähne ich das nur am Rand (z.B. die Erfahrung, dass nicht ich Zazen mache, sondern dass Zazen Zazen macht - als ich zum ersten Mal wirklich mit der Bereitschaft saß, in den Schmerzen zu sterben, waren diese Schmerzen plötzlich nicht mehr von mir getrennt, sondern ich, die Schmerzen, Zazen und alles darum herum eine Wirklichkeit, die "mich" trug - oder die Erfahrung, dass "ich lebe" indem das Leben in jedem einzelnen Augenblick durch mich lebt). Ich glaube nicht, dass es beim Zazen darum geht, möglichst viele oder tiefe von diesen Erfahrungen zu haben, und deshalb interessiere ich mich auch nicht für eine Theorie der Erleuchtung. Für mich ist Erleuchtung nur ein Wort, und dazu ein überflüssiges.

Vermissen Sie nicht die freudvollen Momente des Genusses bei einem Glas guten Wein, dazu gutes Brot und Käse oder eine gute Zigarre hin und wieder? Fehlt Ihnen nicht die europäische Lebenskultur in den japanischen Bergen? Es gibt da dieses Sprichwort, dass beispielsweise das Essen den Körper und den Geist zusammenhält. Oder "Sag mir was Du isst und ich sag Dir wer Du bist" (in Ihrem Buch schrieben Sie glaube ich "Man ist was man isst"). Wird in Antaiji nicht zu wenig Wert auf gesundes, genussvolles und abwechslungsreiches Essen gelegt? Bedeutet der Zen Weg wirklich so viel Entbehrung(en)? Ihren Schilderungen zur Folge hat Essen keinen großen Stellenwert in Ihrem Kloster. So berichten sie beispielsweisen von 2 "hektischen" Mahlzeiten bei den Sesshins und das Essen auf dem Zimmer verboten ist.

Wenn mir Brot und Käse wichtiger als Zazen wären, wäre ich wahrscheinlich längst nicht mehr hier. Jeder muss da selbst entscheiden, wo seine Präferenzen im Leben liegen. Ansonsten weiß ich wirklich nicht, was Sie mit der "europäischen Lebenskultur" die "Körper und den Geist zusammenhält" meinen, und warum glauben Sie, dass wir hier in Antaiji in der Beziehung etwas zu vermissen haben? Wir essen während der Sesshin zweimal täglich, an Arbeitstagen dreimal täglich (eine Mahlzeit besteht in der Regel aus braunem, unpoliertem Reis, Miso-Suppe mit Gemüse und zwei weiteren Gerichte, je nach Jahreszeit), wobei dem Essen ein hoher Stellenwert zukommt. Sowohl was wir essen als auch wie wir essen ist wichtig. Hektisch erscheinen die Mahlzeiten nur dem, der vor sich hinträumt und mit dem Geist nicht beim Essen ist. Wer bei der Sache ist, kommt gut zurecht und wird beim Essen am Tisch durchaus auch freudvolle Momente des Genusses erfahren können (das kommt natürlich auch auf das Können des Koches an!). Deshalb ist auch das Essen auf den Zimmern verboten, denn dadurch verlören die Mahlzeiten in der Gemeinschaft und der Dienst in der Küche ihren Sinn. Abgesehen davon, dass auf den Zimmern doch nur irgendwelche gekauften Produkte gevespert werden würden. Glauben Sie denn wirklich, dass Wein und Zigarren den Köreper und Geist besser zusammenhalten als selbst angebaute, ökologische Nahrung zu jeder Jahreszeit? Natürlich gibt es auch Jahreszeiten, wo der Koch sehr erfinderisch sein muss, aber die Natur versorgt uns doch immer noch besser als der nächste Aldi-Markt im kulinarisch so kultivierten Deutschland. Ich fürchte, dass Ihr Körper und Ihr Geist da sehr viel mehr zu entbehren hat als unserer.

Bei den Sesshins meditieren sie 5 Std vor dem Frühstück. Ist das überhaupt medizinisch ratsam? Wie regeln sie Ihre Flüssigkeitszufuhr? Gerade beim Meditieren heizt sich der Körper (zumindest meiner) auf und ich bin immer sehr durstig danach.

Ich bin kein Arzt und kann Ihnen keine medizinischen Ratschläge geben. Allerdings hat es bei mir und auch bei keinem anderen hier in Antaiji während der letzten 15 Jahre irgendwelche Probleme gegeben. Vielleicht hat das auch mit der hohen Luftfeuchtigkeit in Japan zu tun, und mit der fettarmen, gesunden Nahrung die es nicht nötig macht, den Körper ständig mit Wasser zu durchspülen.

Haben Sie ärtzliche Hilfe in Antaiji?

Ich bin wie gesagt kein Arzt und wir haben auch sonst keinen Arzt in der Nähe. Das bedeutet umgekehrt: Jeder muss sein eigener Arzt sein. Und: Der Tod heilt jede Krankheit!

15 km vom nächsten Ort entfernt zu sein stelle ich mir gar nicht so einfach vor. Zudem Sie ja auch eine Familie mit Kleinkindern haben.

Ja, das ist richtig. Als Selbstversorger lebt es sich nicht immer einfach. Viele stellen sich das zu romantisch vor. Andererseits: Lebt es sich in der Stadt denn wirklich so viel besser? Auch wer direkt neben dem Krankenhaus wohnt, wird sterben. Meine Mutter war Ärztin und 37 Jahre jung, als sie an Krebs starb. Damals lebten wir in der Stadt.

Durch Zazen tut man sein natürliches Gleichgewicht erreichen, man bringt sein Yin-Yang in Einklang, man synchronisiert sein autonomes Nervensystem (sagen die Wissenschaftler), kurz um man kommt ins Lot. Natürlich nicht von einer oder zwei Stunden Zazen, aber wenn man die Zähne zusammenbeißt, passiert es irgendwann. Allein diese Erfahrung ist so unglaublich wunderbar und für mich das Wichtigste und Erstrebenswerteste beim Zazen (auch wenn man nichts erwarten sollte vom Zazen, was ich eigentlich auch nicht (mehr) tue). Aber diesen "Effekt" erwähnen Sie gar nicht oder nur sehr nebensächlich in Ihrem Buch. Dabei ist dies - meiner Meinung nach - das zentrale Element und größte Geschenk, dass Zazen einem geben kann.

Das Zähne-Zusammenbeißen wird Sie auch nicht ins Lot bringen. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich die Nebeneffekte des Zazen nur als Nebeneffekte behandele. Ein Beispiel: Ich habe einmal gehört, die Wissenschaft habe festgestellt, dass Paare, die sich regelmäßig ein Küsschen geben, eine längere Lebenserwartung haben als solche, die das nicht tun. Angenommen, ich gäbe meiner Frau ein Küsschen, und sie fragt mich: "Womit habe ich mir denn das verdient?" Ich möchte nicht wissen, was für ein Gesicht sie machen würde, wenn ich sagte: "Nun ja, zum einen soll es der Gesundheit dienen ..." Ist das das "zentrale Element" des Kusses? Beim Zazen ist es genauso. Ich möchte nicht, dass die Leute anfangen, Zazen zu praktzieren, um ihr autonomes Nervensystem zu synchronisieren. Wer Zazen praktziert, sollte seine egoistischen Ziele erst einmal loslassen. Wenn er dann am Ende feststellt, dass ihm Zazen auch persönlich etwas gebracht hat - gut, nichts dagegen einzuwenden. Wem es aber von vornherein nur um die eigenen Gesundheit geht, der soll Yoga machen, ins Fitness-Center oder zu den Makrobioten gehen.

Ich meditiere ebenfalls im Lotussitz. Nach 30-45 Minuten bekomme ich i.d.R. starke Schmerzen in den Beinen, Teile von den Beinen schlafen auch manchmal ein, ich nehme an, es kommt zu Durchblutungsstörungen. Ich wechsle dann in den Halblotussitz, wenn ich das Bedürfnis habe noch länger zu meditieren, oder beende die Sitzung nachdem ich diese Schmerzgrenze erfahren habe. Verfahre ich hier richtig? Oder sollte ich einfach die Schmerzen versuchen zu ignorieren und mir keine Gedanken über Durchblutungsstörungen machen (und die Zähne länger zusammenbeißen)? Wie lange sollte eigentlich überhaupt eine Zazen Sitzung dauern? Wenn ich es recht in Erinnerung habe, machen sie während des Sesshins zu jeder vollen Stunde 15 min Kinhin. Machen Sie diese Pausen auch an normalen Tagen, wenn Sie 2 Std morgens und 2 Std abends meditieren? In unserer Zen Gemeinde machen wir während des Sesshins 5min Kinhin alle 30 min. Kann man überhaupt 2-3 Std Zazen ohne Pause machen?

Ich würde in wirklich keinem Fall empfehlen, dass Sie die Zähne zusammenbeißen. Aber: Wenn es irgend möglich ist, empfehle ich Ihnen, die Schmerzen einfach so zu akzeptieren, wie sie sind. Ohne sich zu bewegen, aber - und das ist wichtig - auch ohne die Zähne zusammen zu beißen und sich "Durch-zu-Kämpfen". Das ist eine furchtbar schwierige Gratwanderung zwischen "Nicht-Aufgeben" und "Nicht-Ankämpfen".

Ich kann mich noch gut erinneren, dass ich zu meiner Anfangszeit während der Sesshins in Antaiji stets glaubte, durch die Hölle gehen zu müssen. Die Schmerzen in den Beinen waren einfach unerträglich! Was mich wunderte war, dass drei, vier Tage, nach dem das Sesshin vorbei war, zwar die Schmerzen in den Beinen sich verzogen hatten, mir aber der Kiefer und die Zähne weh taten. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich merkte, dass das ganz einfach daran lag, dass ich beim Zazen immer die Zähne zusammenbiss. Das war nicht gut. Wir sollten versuchen, uns in den Schmerzen zu entspannen, oder sozusagen in die Schmerzen "hinein" zu entspannen. Also auch nicht ignorieren, sondern einfach akzeptieren.

Während Sesshin sitzen wir eine Stunde von 4:00 bis 5:00 und machen dann 15 Minuten Kinhin, gefolgt von 14 weiteren Perioden Zazen, die jeweils 45 Minuten lang sind, unterbrochen von jeweils 15 Minuten Kinhin (außerdem gibt es zwei Mahlzeiten während des Tages). An normalen Tagen sitzen wir eine Stunde von 4:00 bis 5:00, dann 10 Minuten Kinhin, dann wieder eine Stunde von 5:10 bis 6:10. Am Abend sitzen wir eine Stunde, gefolgt von 10 Minuten Kinhin und weiteren 50 Minuten Zazen.

Länger als 60 Minuten sitzen wir also nicht. Ich würde auch nicht empfehlen, dass Sie sich Gewalt an tun. Versuchen Sie, sich in die Schmerzen hinein zu entspannen, so gut es geht. Wenn es nicht mehr geht, beißen Sie besser nicht die Zähne zusammen, sondern bewegen Sie sich ein wenig, ohne den Rest der Gemeinschaft zu stören. Über eingeschlafen Beine brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, aber wenn Sie sich verkrampfen, können Sie Ihrer Gesundheit durch Zazen auch bleibenden Schaden zufügen (das ist mir passiert, als ich vor ca. 10 Jahren einen Großteil des Gefühls in meinem linken Fuß verlor).

Eine "fachliche" Frage: was das Denken des Nicht-Denkens ist, haben Sie sehr schön im SWR-Interview geklärt; aber was meint Dôgen damit, wenn er wiederholt sagt, man müsse seinen Körper und seinen Geist wegwerfen, loslassen und dergleichen? Welche Instanz ist es, die da loslässt, könnte man zB fragen.

Zwei zentrale Stellen, an denen Dôgen Zenji von diesem Wegwerfen, Loslassen oder auch Vergessen spricht, sind die beiden folgenden aus den Shôbôgenzô-Kapiteln Genjôkôan und Shôji:

Den Buddhaweg ergründen heißt sich selbst ergründen (Dem Buddhaweg folgen heißt sich selbst folgen/Den Buddhaweg gehen heißt selbst gehen). Sich selbst ergründen (sich selbst folgen/selbst gehen) heißt sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt von den zehntausend Dingen bezeugt werden. Von den zehntausend Dingen bezeugt werden heißt Körper und Geist von sich selbst und den anderen fallen lassen.

Dieses Leben-und-Sterben ist nichts Geringeres als das Leben Buddhas. Es in Abscheu fortwerfen zu wollen heißt nichts anderes, als das Leben Buddhas einzubüßen. In Leben-und-Tod zu verharren und daran festzuhalten bedeutet ebenfalls das Leben Buddhas zu verlieren, die Wirksamkeit (Tätigkeit) Buddhas zum Stillstand (Erliegen) zu bringen. Erst wenn du ohne Abscheu und ohne Sehnsucht bist, wirst du in Buddhas Geist sein. Doch wäge es nicht mit dem Geist ab, sprich es nicht in Worten aus. Vergiss einfach den eigenen Leib und Geist, lass sie fahren und wirf dich in Buddhas Haus hinein. Von Buddhas Seite aus getragen (geführt/bewegt/geleitet) wirst du, indem du nur folgst - ganz ohne Kraftanstrengung und Geistesbemühung - frei von Leben-und-Sterben selbst Buddha.

Was gemeint ist, ist einfach folgendes: Mit Haut und Haaren, Herz und Seele im gegenwärtigen Tun aufgehen. Eins-Sein. Einfach-Tun. Sich dem Tanz des Lebens überlassen. Das ist der Punkt, an dem beim Zazen beispielsweise nicht mehr gesagt werden kann, dass "ich" Zazen mache. Eher könnte man davon sprechen, dass Zazen Zazen macht. Hier berühren sich auch der Zen- und der Amida-Buddhismus, denn zwischen der eigenen und der fremden Kraft kann nicht mehr unterschieden werden. Ein Christ würde hier vielleicht sogar die Versuchung spüren, vom Wirken Gottes zu sprechen. Kierkegaard suchte die Lösung seiner Probleme im "Sprung in den Glauben". Die Frage ist natürlich: Wie schaffe ich diesen Sprung? Und die Antwort: Ich kann diesen Sprung nie schaffen, nur wenn ich von diesem "ich" und seinen Zweifeln loslasse, ist der Sprung zu schaffen. Oder besser gesagt: Das Loslassen selbst ist der Sprung. Aber wenn das "ich" losgelassen wird, wer oder was ist die Instanz, die loslässt?

Beim Zen wäre das Dilemma das folgende:

Zustand A: Gewöhnlich lebe ich mein Leben in der Vorstellung, dass ich bei allem, was ich tue, die Fäden fest in der Hand halte, oder zumindest fest in der Hand halten sollte. Die Trennung zwischen meinem Tun und fremden Tun ist klar, und auch zwischen dem, was mein Geist will und was mein Körper will, besteht unter Umständen eine große Differenz. Ich mache Zazen. Ich strenge mich an und muss mich immer wieder überwinden. Ich kämpfe gegen die Schmerzen in den Beinen und die Zweifel und Langeweile in meinem Geist an. Ich beiße die Zähne zusammen.

Zustand B: Ich lasse los und nicht "ich", sondern Zazen macht Zazen. Die Schmerzen sind immer noch da, aber sie sind akzeptiert als ein Teil des Lebens. Ich lockere den Griff und versuche nicht mehr, das Leben mit Gewalt zu manipulieren, in dem ich an diesem oder jenem Strang reiße, sondern überlasse mich umgekehrt der Führung des Lebens. Die scheinbar unüberwindliche Mauer zwischen meinem Wollen und meinem Tun, zwischen dem was ich will und was ich muss, zwischen dem was ich will und was die anderen wollen, ist plötzlich nicht mehr da.

Ihre Frage wäre dann: Wie kann ich den Sprung von A nach B schaffen? Denn egal, wie sehr ich mich biege und breche, ich werde immer im Zustand A verbleiben, solange "ich" überhaupt als Instanz auftrete und versuche, mit Gewalt von dem einen Zustand in den anderen zu kommen. Aber gibt es irgendeine andere Instanz als mich selbst, auf die ich mich verlassen könnte?

In meinem Buch spreche ich an dieser Stelle vom Loslassen des Loslassens. Solange "ich" loslasse, um von A nach B zu gelangen, ist es kein echtes Loslassen. Es ist ein verbissenes Loslassen, das im Zustand A verbleibt. Beim Zazen ist das der Punkt, wo wir uns wie bei einer Gratwanderung fühlen zwischen der Versuchung, die Zähne zusammen zu beißen und uns durchzukämpfen, oder dem Impuls nachzugeben, einfach eine ganz kleine Pause zu machen und Zazen abzubrechen. Das Bestes ist es, auf beides zu verzichten und sich einfach mit Leib und Seele dem Zazen zu überlassen, egal was komme. Und wenn es mich das Leben kosten sollte. In dem Moment können wir feststellen, dass der Sprung über den so unüberwindlich scheinenden Abgrund längst geschafft ist.

Wenn wir nicht zu Antworten wie "die andere Kraft", "Amida", "das Universum" oder "das Leben selbst" greifen wollen, ist die Antwort, welche Instanz diesen Sprung letztlich schafft, letzlich nicht zu beantworten. Da ist keine Instanz hinter dem eigentlichen Tun auszumachen. Deshalb spricht man im Buddhismus ja auch vom Nicht-Ich, und man versucht wenn möglich auch der Versuchung zu widerstehen, das Nicht-Ich durch das Wirken einer anderen, höheren Instanz zu erklären. Die Buddhisten sind da aber nicht sehr streng. Trotzdem wäre es eigentlich exakter, nicht zu sagen, dass ich loslasse. Eher müsste man sagen, dass das Loslassen loslässt. Es ereignet sich einfach. Aber: Es ereignet sich nicht einfach so, wie aus Zufall, sondern es ereignet sich, wenn wir wirklich bis an die Grenze unseres Möglichen gehen und dann, wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint, noch ein, zwei Schritte weiter tun. Und bei diesen ein, zwei Schritten lässt sich eben nicht sagen, wer die tut. Wenn wir darauf warten, dass ein anderer sie für uns tut, können wir lange warten (das ist der Punkt, auf den ich in den "Adult practice"-Artikeln immer wieder hinzuweisen versuche). Wenn wir uns aber einer Instanz in uns selbst bewusst sind, die die Schritte tut, dann sind diese Schritte immer noch diesseits der Grenze unseres Möglichen. Solange ich die Schritte mache, führen sie nicht über die Grenze. Da ist aber auch kein anderer, der sie tut.

Ein Beispiel: Wenn Sie tanzen, und sich während des Tanzes des Tänzers in Ihnen bewusst sind, wird ihr Tanz nicht natürlich und schön sein. Sie werden verkrampft sein, ihr Bewusstsein von sich selbst (engl. "self-consciousness") steht Ihnen im Weg. Nur wenn Sie sich ganz der Musik des Lebens überlassen, und sich Ihre Arme und Beine wie von selbst bewegen, ist es ein echter Tanz. Welche "Instanz" tanzt da? Ich weiß es nicht, Sie werden es nicht wissen. Wie schafft man den Sprung in den Tanz? Einfach Tanzen.

Entschuldigen Sie die vielen Worte, ich weiß noch nicht einmal, ob Sie Ihnen helfen werden.

Noch einmal zu dem Problem: auf der einen Seite ist eine hohe Motivation gefordert beim Sitzen (oder überhaupt), nämlich bereit sein, aufs Ganze zu gehen; auf der anderen Seite wird gesagt, es ginge um rein gar nichts. Das ist doch extrem gegenläufig.

Gegenläufig vielleicht, aber ist es nicht so auch mit dem Leben als Ganzem: Ihm einen Sinn geben, in dem man ganz lebt. Nicht etwa leben, weil es einen Sinn hätte oder etwas bringt. Sondern der Sinn kommt erst hinterher (wenn man da überhaupt von einem Sinn sprechen will), wenn man sich ganz auf das Leben einlässt, und auf den Tod, also auf's Ganze geht. Insofern kein Widerspruch, finde ich.

Sie warnen davor, sich von Zazen allzu viel zu versprechen. Trotzdem haben Sie Ihr Leben dieser Praxis gewidmet.

Am besten ist es wie gesagt, man verspricht sich gar nichts von Zazen: "Zazen bringt nichts". Ich versuche immer die Leute auf diese Weise abzuschrecken und warte dann darauf, dass trotzdem Leute kommen, wie's bei mir selbst der Fall war, die sagen: "Ich mach's aber trotzdem mal". Je mehr man sich davon verspricht, desto größer ist die Enttäuschung und desto weniger ist man auch im Moment. Wichtig beim Zazen ist, dass man hier ist in diesem Moment und vollkommen da ist auf dem Kissen. Aber wenn man dann sagt: "Ich sitze um vielleicht in einem Jahr ein ausgeglichenerer Mensch zu sein", dann ist man nicht auf seinem Kissen, man ist sich in Gedanken schon ein Jahr voraus. So wrd man keine Ausgeglichenheit erreichen. Oder: "Ich sitze, um meine Kindheit aufzuarbeiten", dann ist man in Gedanken zwanzig Jahre hinterher, vierzig Jahre hinterher. Es geht darum, beim Sitzen einfach nur zu sitzen, einfach nur in diesem Moment man selbst zu sein und sich nichts davon zu versprechen. Das bedeutet nicht, dass es dann nicht tatsächlich doch eine Wirkung hat. Genauso wenn ich sage: "Glück liegt darin, die Situation, so wie sie ist, zu akzeptieren". Das bedeutet, man vergisst einfach erst mal das Glück, vergisst einfach die Idee, da könnte noch mehr kommen. Und wenn man das akzeptiert, dann ändert sich doch etwas. Wenn ich einfach in diesem Moment auf dem Kissen sitze, natürlich ändert das etwas.