TAG FÜR TAG EIN GUTER TAG

Vortrag, gehalten am 5. März 1963, in der Stadt Matsuyama)

 

 

Gute und schlechte Seiten des Lebens

 

Tag für Tag ein guter Tag. Auch ein dämonischer Tag, auch ein Schlangentag muss ein guter Tag für dich sein, wenn du als Mensch in dieser Welt lebst. Rolland sagte, jeder Mensch sei der Schmied seines eigenen Glücks. Trotzdem machst du ein verweintes Gesicht und klagst über dein Schicksal, über fehlendes Geld und Glück bei den Frauen. Was für eine Dummheit! Als Mensch liegt es an dir allein, dein eigenes Glück zu finden. Wenn du das nicht tust, beklag dich nicht bei den anderen.

Menschen haben die Fähigkeit zu denken. Das unterscheidet sie von anderen Lebewesen. Dass Hühner etwas zu fressen bekommen, liegt nur daran, dass die Menschen sie füttern um sie später selbst zu verspeisen. Ich werde traurig, wenn ich daran denke, wie so ein Huhn in seinen Käfig gequetscht das Leben verbringt. Wenn das Huhn nur ein bisschen weniger fressen würde, dann nähme es auch nicht so schnell zu und könnte umso länger leben. Aber das weiß es nicht und frisst und frisst und wird immer dicker. Wie gemein die Menschen doch sind. Sie rechnen sich aus, wie viele Eier das Huhn wohl noch legen wird. Tags und nachts bleibt das Licht an, damit das Huhn soviel Eier produziert wie möglich. Und wenn es ausgelegt hat, wird es verkauft, bevor es sein Fleisch verliert. Wenn es um das Leben des Huhns geht, kalkuliert der Mensch ganz genau, alles mit dem Ziel, Hühnerfleisch und Eier zu bekommen. Wie steht es aber mit dem Menschen selbst? Warum lebt der? Darüber musst auch du dir einmal Gedanken machen. Du musst dir über den Sinn dieses Lebens klar sein, darüber, dass es ein Glück bedeutet, als Mensch geboren worden zu sein. Was willst du aus diesem Leben machen? Du solltest versuchen, das Beste daraus zu machen.

Das Baseballteam der Komazawa-Universität soll in letzter Zeit sehr erfolgreich sein. Mit so etwas kenne ich mich überhaupt nicht aus. Was bedeutet es schon, wenn einer einen Ball werfen kann? Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein. Unser Ziel als Menschen muss es sein, dieses Leben auf die bestmögliche Weise zu leben. Was für eine Art des Lebens meine ich damit? Ich meine ein Leben mit der Einstellung „Tag für Tag ein guter Tag“ und „Jahr für Jahr ein gutes Jahr“.

Großmeister Unmon fragte während eines Vortrags, den er wahrscheinlich am 15. eines Monats hielt: „Ich will nichts wissen von dem, was vor dem 15. passiert ist. Sagt mir etwas über das, was nach dem 15. kommt.“ Und als keiner antwortete, sagte er selbst: „Tag für Tag ein guter Tag.“ Du darfst diesen „guten Tag“ nicht verlieren.

Letztes Jahr fragte mich jemand, welchem chinesischen Tierzeichen mein Geburtsjahr entspricht. Es ist das Jahr des Drachens. Er sagte darauf: „Jetzt verstehe ich, warum du nie auf jemanden hörst. Ein Drache geht nach links, wenn du ihn nach rechts weist, er mag nicht, was du magst, er erklärt das für falsch, was du für richtig erklärst. Ich bin nicht überrascht zu hören, dass du ein Drache bist.“ Das veranlasste mich, einmal über mein Leben nachzudenken, und ich stellte fest, dass das tatsächlich stimmt. Ich bin ein typischer Drache.

 Ich habe das schon oft erzählt, deshalb weiß inzwischen wohl auch jeder, dass ich nicht in die allerbesten Verhältnisse hinein geboren wurde. Meine Eltern waren einfache, arme Leute. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn sie länger gelebt hätten, aber als ich fünf Jahre alt war, starb meine Mutter und mit acht mein Vater. Das ist die alte japanische Zählweise, nach der modernen westlichen Zählweise war ich erst sechs Jahre und ein paar Monate, vielleicht knapp sieben Jahre alt, als ich zum Vollwaisen wurde. Meine älteste Schwester war sechs Jahre älter als ich. Die nächste Schwester war vier Jahre älter als ich, dann kam ein Bruder, der zwei Jahre älter war. Wir waren alle noch Kinder. Nach dem Tod meines Vaters wurden meine Geschwister unter Verwandten aufgeteilt oder als Dienstmädchen angestellt. Nur mich wollte zunächst keiner haben, weil ich so ein frecher Bursche war.

Bei einer Familientagung kam einer auf die Idee, mich an einen buddhistischen Tempel zu geben, aber da hieß es von einem anderen: „Der Bengel würde es in einem Tempel nicht lange aushalten. Glaubst du denn, der wäre ein guter Mönch? Er würde bestimmt nie lernen, sich nützlich zu machen. Und das wäre noch nicht das Schlimmste: Stell dir vor, er kommt zurück wenn er groß und stark ist, den Leib bedeckt mit Tätowierungen und ein Messer in der Hand. Dann wird er sich an uns rächen dafür, dass wir ihn in einen Tempel gesteckt haben!“ Deshalb beschloss die Verwandtschaft schließlich, mich doch lieber nicht an einen Tempel zu geben. Nach angestrengter Suche kam man schließlich auf die Sawaki-Familie, die sechs Kilometer entfernt wohnte und sich bereit fand, mich zu adoptieren.

Meine Adoptivmutter war eine alte Prostituierte und deren ältere Schwester die Braut eines Yakuza-Bosses. Meine erste Aufgabe war, bei den Glücksspielern für Ordnung zu sorgen. Selbst einem wilden Bengel wie mir war da am Anfang ganz schön bange. Das Milieu, in dem ich mich plötzlich wiederfand, bestand aus zwielichtigen Gestalten, gegen die selbst ich nicht ankam. Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass deren Lebens- und Weltanschauung weit von dem entfernt war, was ich bis dahin kennen gelernt hatte. Dank der Tatsache, dass ich in einem Jahr des Drachens geboren worden war, wurde ich trotzdem damit fertig. Zwar war ich ein frecher Bursche gewesen, aber schon damals hatte ich nicht das geringste Interesse daran, mich mit anderen zu messen. Mit wem auch? Unser Haus war in einer Hinterstraße des Bordellviertels gelegen. Von einem pädagogischen Gesichtspunkt aus betrachtet nicht gerade das beste Milieu für ein Kind, um groß zu werden. Doch meine Drachen-Natur ließ sich von der Umgebung nicht einfärben. Zwar sah ich jugendliche Halbstarke genauso wie alte Glatzköpfe in unser Viertel kommen, um Frauen zu kaufen und sich am Morgen wieder heimlich davon zu machen. Doch mit dem Trotz eines Drachens rebellierte ich innerlich dagegen. Ich entfernte mich weiter und weiter von meiner Umgebung, bis ich am Ende den Wunsch verspürte, zum Mönch zu werden. Anfangs hatte ich nicht im Traum an ein Mönchsleben gedacht. Wundersam, dass ich dennoch diesen Weg gewählt habe. Ich glaube das verdanke ich einzig dem Tierzeichen meines Geburtsjahres, dem Drachen.

Damals hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich mit meinem Leben tun soll. Nur meine trotzige Drachen-Natur befahl mir, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was mir meine Umgebung nahegelegt hätte. Um gegen den Strom anzuschwimmen braucht man Kraft, und diese Kraft stammte aus einem wilden, inneren Zweifel. Mit 15 oder 16 Jahren hatte ich den Gipfel der Verzweiflung erlangt. Die Frage, was ich mit meinem Leben anfangen solle, ließ mich nicht mehr los. Was sollte ich tun? Ich wusste weder ein noch aus. Kein Wunder, denn ich hatte ja die Schule nur für vier Jahre besucht. Mir blieb nichts übrig, als für mich allein zu leiden.

Ich litt, weil ich nichts mit meinem Leben anfangen konnte. Wäre es mir darum gegangen, ein anständiger Yakuza zu werden, hätte ich keine Probleme gehabt: Mein Onkel war ja ein Yakuza-Boss. Aber das einzige, was mir meine Drachen-Natur ganz genau sagte, war, dass ich kein Yakuza werden wollte. Ich wollte etwas anderes werden, das war mein Problem. Und das größere Problem war, dass ich nicht wusste, was ich werden wollte.

Als ich 13 Jahre alt war, gab es einen großen Streit zwischen den Yakuza in der Gegend um die Grenzen ihrer Reviere. Zufällig befand ich mich gerade im Feindesgebiet um Papierlampions zu verkaufen, als die blutige Auseinandersetzung vor meinen Augen begann. Mein Adoptivvater, der auch dabei war, war wie versteinert. Derselbe Mann, der mich gewöhnlich anschrie und mit Fäusten schlug, regte sich plötzlich vor Angst nicht von der Stelle! Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich mich über ihn lustig: „Meine Güte, wir sind in Lebensgefahr!“ In der Nacht sollte mein Adoptivvater der feindlichen Yakuza-Bande eine Nachricht überbringen. Dazu war es notwendig, den Ort, an dem sich die Yakuza tagsüber die Schlacht geliefert hatten, und einen weiteren Berg zu überqueren, insgesamt 15 Kilometer. Doch der Alte war unfähig, sich zu bewegen. Er zitterte vor Furcht und sagte nur: „Was soll ich nur tun? Das ist mir zu viel.“

Da sagte ich: „Gut, ich wird’s für dich erledigen!“ Und weg war ich, damals erst 13 Jahre alt. Es regnete die ganze Nacht durch. Aber da die Aufgabe dringend erledigt werden musste, rannte ich, so schnell ich konnte, überbrachte die Nachricht und kehrte in derselben Nacht zurück. Es kann schon sein, dass ich mich geängstigt hätte, wenn mir auf dem Weg jemand begegnet wäre. Aber nichts passierte, und ich kam sicher zurück nach Hause. Von diesem Tag an schlug mich mein Adoptivvater nie wieder.

Von allem, was einem geschieht, kann man sagen, dass es sowohl gute als auch schlechte Seiten hat. Deshalb kann auch niemand bestimmen, was für einen Menschen ein gutes oder schlechtes Leben bedeutet. Von mir kann ich wenigstens behaupten, dass ich bis heute das glücklichste Leben auf Erden gelebt habe.

 

Glück ist das Leben – so wie es ist

 

Mit 17 Jahren nach japanischer Zählart, das heißt also nach vollendetem 16. Lebensjahr, lief ich von zu Hause weg. Ich wollte Mönch werden, aber ich wusste nicht wo. Ein Priester der Shin-Schule gab mir den Rat, es im Eiheiji zu versuchen. Damals wusste ich weder, wer den Eiheiji gegründet hat, noch welcher Schule des Buddhismus er angehört. Der Priester gab mir außerdem drei Kilo Reis mit auf den Weg, die ich während der nächsten vier Tage und vier Nächte roh kaute. Das war damals keine einfache Reise. Nach genau vier Tagen kam ich nachts im Eiheiji an. Dem Mönch, der mir das Tor öffnete, sagte ich: „Wenn ihr mich nicht als Mönch haben wollt, dann lasst mich hier vor dem Tor verhungern.“ Der Mönch erwiderte: „Das wäre ja noch schöner. Sieh zu, dass du von hier verschwindest!“ Ich war aber zu erschöpft, um mich zu bewegen: „Ich bin so hungrig, ich kann nicht einmal mehr auf meinen Beinen stehen.“ So ging es zwei Tage und Nächte hin und her, bis ich endlich eingelassen wurde und etwas Reissuppe zu essen bekam. Dann wurde ich erst als Handlanger in das Kloster aufgenommen, und irgendwann war ich so etwas wie ein Mönch. Man kann nicht gerade behaupten, dass es das Schicksal bis dahin gut mit mir gemeint hätte. Trotzdem glaube ich, dass es keinen gibt, der glücklicher ist als ich.

Was bedeuten überhaupt Glück und Unglück? Was macht einen glücklichen Menschen eigentlich glücklich? Ein reicher Mensch muss nicht unbedingt glücklich sein. Heißt das, dass ein Armer glücklicher wäre? Natürlich nicht. Intelligenz macht nicht glücklich. Und Dummheit genauso wenig. Ich bin als Waisenkind aufgewachsen, ohne Geld und von schwachem Verstand – alle Bedingungen zum Unglücklichsein in dieser Welt beisammen. Kein Mensch sollte unglücklicher sein als ich, doch mir kommt es so vor, als lebte ich das glücklichste Leben der Welt. Ich könnte nicht dankbarer für dieses Leben sein.

Da gibt es einen, der angefangen vom Südwesten Japans, über Kôbe und Ôsaka bis hin nach Nagoya auf Reisen geht, um interessante Vorträge zu halten. Das Motto dieser Vorträge ist: „Alles ist gut, so wie es ist.“

Alles ist gut, so wie es ist. Nichts muss auf irgend eine bestimmte Weise sein. Dazu gehört aber auch, dass wir mit unserem individuellen Leben zufrieden sind, so wie es ist. Sonst sind das alles nur leere Worte. Wichtig ist, unser Schicksal so zu akzeptieren, wie es ist, und in diesem „es ist so wie es ist“ das höchste und größte Glück zu entdecken.

 

Die Karma-Brille

 

 

Neulich bekam ich ein Buch zugeschickt, in dem geschrieben stand, dass das Universum eins ist. Jeder einzelne von uns ist eins mit dem Universum. Wir sind Teil des kosmischen Mechanismus. Für uns Menschen ist es wichtig, nicht gegen diesen kosmischen Mechanismus anzukämpfen, sondern ihm zu folgen. Wir kommen nicht gegen die Notwendigkeit an. Als Teil des kosmischen Mechanismus zu funktionieren, ohne das Unmögliche zu versuchen, wird auch das „Denken auf dem Grund des Nicht-Denkens“ oder das „Loslassen der Gedanken“ genannt. Das ist Zazen: Die Praxis einfachen, absichtlosen Sitzens. Dieses Zazen ist die Gestalt des kosmischen Mechanismus. Zazen ist kein Mittel zum Zweck der Erleuchtung. Zazen ist kein Mittel für irgendetwas. Ich sage deshalb immer: „Zazen bringt nichts!“

Zazen bringt nichts, aber die Gestalt des Zazen ist die würdevollste Haltung, die wir mit diesem Körper einnehmen können. Es gibt sogar Leute, die sagen, dass der Teufel die Flucht ergreift, wenn er ein Bild der Zazenhaltung sieht. Unter den Haltungen, die ein Mensch einnehmen kann, ist die des Zazen die würdevollste und erhabenste. Warum ist diese Haltung so erhaben? Weil sich darin die Erhabenheit des Universums selbst manifestiert. Der kosmische Mechanismus ist erhaben. Wenn dieser Körper eins ist mit dem kosmischen Mechanismus, dann ist es kein Wunder, dass die Gestalt des Zazen erhaben wirkt. Was könnte wundervoller sein als die Tatsache, dass wir Menschen in der Lage sind, Zazen zu praktizieren?

Dôgen Zenji sagt über Gutes und Schlechtes: Gutes und Schlechtes sind Zeit, aber die Zeit ist nicht gut oder schlecht.“ Gleichzeitig sagt er aber auch: Wenn sich alles Schlechte von allein nicht mehr abspielt, dann manifestiert sich die Kraft der Praxis. Diese Praxis misst sich an der ganzen Erde, an der ganzen Welt, an der ganzen Zeit, am ganzen Dharma.“ Mit wenigen Sätzen spricht Dôgen Zenji alles aus. Wie sparsam er mit seinen Worten umgeht, wenn es darum geht, das auszudrücken, was das ganze Universum füllt. Was nicht das ganze Universum ausfüllt, kann nicht Erwachen genannt werden. Das Erwachen muss so groß sein, dass es die ganze Erde, die ganze Welt, die ganze Zeit und den ganzen Dharma ausfüllt. Die Praxis des Zazen hat dieses Ausmaß, deshalb ist es eine großartige Praxis.

Vor vier oder fünf Jahren hörte ich, dass man in einem amerikanischen Observatorium Galaxien beobachtet habe, die 25 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind. Solche astronomischen Zahlen mögen unwahrscheinlich groß erscheinen. Doch wie groß oder klein etwas auch sein mag, groß oder klein ist es nur für den Menschen, der es misst. Die Größe richtet sich nach dem Maßstab der menschlichen Wahrnehmung. Im Buddhismus heißt es dagegen: Das Größte ist eins mit dem Kleinen, denn kein Vergleich ist möglich. Das Kleinste ist eins mit dem Großen, weil keine Trennlinie existiert.“ Das ist nicht das Ergebnis einer Messung. Hier ist die Rede vom grenzenlosen, unendlichen Universum, unabhängig von jedem Beobachter. In Wirklichkeit gibt es da nichts Großes oder Kleines, sondern nur den einen, allumfassenden kosmischen Mechanismus. Es sind nur die Menschen, die nach ihrem Maßstab Großes von Kleinem unterscheiden und sich mit ihren Messungen Tag für Tag selbst die Hölle machen. Während wir uns darüber beklagen, dass die Dinge zu groß oder klein für uns seien, sind wir in Wirklichkeit untrennbar vom kosmischen Mechanismus, innerhalb dessen es weder groß noch klein gibt. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns unserer eigentlichen Natur gewahr werden.

Wir müssen die Weisheit erlangen, die Dinge so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Die wirkliche Gestalt der Dinge ist der kosmische Mechanismus, in den alles im Universum eingebunden ist. Unser Problem ist, dass wir die Welt durch eine karmische Brille betrachten. Unsere Wahrnehmung ist vom Karma konditioniert, deshalb sehen wir die wirkliche Gestalt der Dinge nicht. Im Buddhismus wird das mit dem Beispiel des Wassers, das auf vier verschiedene Weisen betrachtet werden kann, erklärt. Wenn wir ein Ding betrachten, und sei es nur ein Glas Wasser, dann tun wir es durch unsere Karma-Brille. Ein hungriger Geist erkennt darin Eiter, an dem er sich laben will. Ein Himmelswesen sieht einen Edelstein aus Lapislazuli. Einem Menschen erscheint es als Wasser, und für den Fisch stellt es einen Palast dar. Auf diese Weise betrachten wir alles so wie es uns passt, durch die Brille unserer karmisch konditionierten Wahrnehmung. Was wir da sehen, stimmt nicht mit der wirklichen Gestalt der Dinge überein. Es muss unser Ziel als Menschen sein, die Dinge nicht durch unsere gewitzte Karma-Brille zu betrachten, sondern so wie sie sind. Solange wir dieses bequeme, nützliche Ding auf der Nase herumtragen, sehen wir die wahre Gestalt der Wirklichkeit nicht. Deshalb sagt Dôgen Zenji im Fukanzazengi: Löse dich aus allen Bindungen, lasse die zehntausend Angelegenheiten ruhen. Denke nicht an Gut und Schlecht, urteile nicht über „richtig“ oder „falsch“. Dein Geist und Bewusstsein drehen sich im Kreis - lass sie zur Ruhe kommen. Hör’[] auf alles mit deinen Gedanken und Meinungen abzuwägen. Versuche auch nicht einen Buddha aus dir zu machen.“ Er ermahnt uns, nicht unserer karmischen Konditionierung zu folgen. Vergiss Gedanken wie: „Ich will Buddha werden!“ Oder: „Ich will dies und das ...“ Gib dich mit diesen Gedanken nicht ab und sitzt einfach in Zazen. Das ist das ganze Geheimnis. Das ist die wahre Gestalt der Wirklichkeit. In der Praxis des Zazen manifestiert sich die wahre Gestalt der Wirklichkeit. Die wahre Gestalt von Himmel und Erde: Der Berg ist hoch, das Meer ist weit, das Gras ist grün, die Blume blüht. Nur wir Menschen sind unfähig, diese Gestalt so zu sehen, wie sie ist. Wir sehen alles durch den Filter unserer karmisch konditionierten Wahrnehmung.

 

Wir lassen uns von unserem Ego erdrosseln